Cannabinoide helfen bei ALS mit spastischer Symptomatik

Die Erkrankung ALS ist nicht heilbar, trotzdem können Cannabinoide Betroffenen mit spastischer Symptomatik helfen. Darauf macht die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Neurologie aufmerksam.

„Der Verlauf der ALS ist sehr variabel und das Symptomspektrum ist relativ weit gefĂ€chert, je nachdem, ob das erste oder das zweite Motoneuron stĂ€rker betroffen ist“, erklĂ€rt Professor em. Dr. Volker Dietz, FRCP, ZĂŒrich. Insgesamt ist das zweite Motoneuron hĂ€ufiger betroffen, dabei kommt es zu Muskelschwund (Atrophie) mit MuskelschwĂ€che und schlaffen LĂ€hmungen. Bei vorwiegender Beteiligung des ersten Motoneurons kommt es dagegen zu muskulĂ€rer Spastik mit erhöhter Muskelspannung und Muskelsteifheit, auch krampfartige Schmerzen sind möglich. Eine Spastik stört nicht nur die Feinmotorik, sondern auch die GehfĂ€higkeit, was zu StĂŒrzen und zunehmender Behinderung fĂŒhrt. Die Behandlung einer Spastik kann daher die LebensqualitĂ€t der betroffenen ALS-Patienten deutlich verbessern. „Die Behandlung spastischer Symptome bei ALS ist nicht einfach, die Therapie besteht in der Kombination verschiedener Maßnahmen, dazu gehören in erster Linie Physiotherapie bei mobilen und deren Kombination mit Medikamenten bei immobilen Patienten“, erklĂ€rt Prof. Dietz. Die verfĂŒgbaren antispastischen Substanzen können die spastische Muskulatur zwar entkrampfen und so die Beweglichkeit verbessern, sie gehen aber auch mit Nebenwirkungen wie verstĂ€rkte MĂŒdigkeit einher. „Außerdem bewirken muskelrelaxierende Medikamente hĂ€ufig eine unerwĂŒnschte MuskelschwĂ€che, die bei gleichzeitig vorhandenem Muskelschwund LĂ€hmungen verstĂ€rken kann.“

Die Behandlung sollte also immer multimodal erfolgen. FĂŒr die Therapie einer Spastik im Rahmen der Multiplen Sklerose ein Cannabis-KombinationsprĂ€parat (Nabiximols) als additive Therapie zugelassen. Nabiximols enthĂ€lt Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) in standardisierten Mengen (2,7 mg THC und 2,5 mg CBD pro 100 ”l – einem SprĂŒhstoß entsprechend) und wird rasch ĂŒber die Wangenschleimhaut resorbiert. Es scheint also folgerichtig, diese Therapieoption auch bei ALS zu evaluieren – dies hatte die kĂŒrzlich in „Lancet Neurology“ publizierte CANALS-Studie („Cannabinoide bei ALS“) zum Ziel [1].

Die von der „Italienischen Forschungsgemeinschaft fĂŒr ALS“ an der UniversitĂ€t Mailand initiierte randomisierte, doppelblind-placebokontrollierte Phase-II-Studie wurde an vier italienischen Zentren durchgefĂŒhrt. In der Studie wurden 60 erwachsene Patienten mit amyotropher Lateralsklerose (ALS) randomisiert, die seit mindestens drei Monaten an spastischen Symptomen (mindestens zwei Muskelgruppen mit einem Score von ≄1 auf der modifizierten Ashworth­Skala) litten und seit mindestens 30 Tagen eine definierte antispastische Therapie erhielten. Die Patienten wurden computergestĂŒtzt 1:1 randomisiert und erhielten fĂŒr sechs Wochen entweder Nabiximols oder Placebo. In den ersten 14 Tagen dosierten bzw. steigerten die Patienten das Spray nach einem vorgegebenen Therapieschema (maximal 12 SprĂŒhstĂ¶ĂŸe in 24 Stunden); danach blieb die Dosis ĂŒber vier Wochen konstant. PrimĂ€rer Endpunkt war die Änderung des modifizierten Ashworth­Score innerhalb der sechs Wochen.

Ausgewertet wurden 29 Patienten aus der Nabiximols-Gruppe und 30 aus der Placebogruppe. Der modifizierte Ashworth­Score verbesserte sich in der Nabiximols-Gruppe signifikant um durchschnittlich 0,11; in der Placebogruppe sank er dagegen um durchschnittlich 0,16 (p=0,013). WĂ€hrend der sechs Studienwochen gab es keine TherapieabbrĂŒche, Nabiximols wurde gut vertragen, Nebenwirkungen traten nicht auf.

„In vielen medizinischen Bereichen, die mit schmerzhafter Muskelspasmen einhergehen, erweisen sich Cannabinoide inzwischen als Alternative, wenn herkömmliche Therapien nicht oder nicht ausreichend ansprechen“, kommentiert Prof. Dietz. Die DGN schließt sich daher der Ansicht der Autoren dieser “proof-of-concept”-Studie an, dass nun grĂ¶ĂŸere klinische Phase-III-Studien folgen sollten, damit eine Cannabinoid-Therapie kĂŒnftig auch fĂŒr geeignete Situationen bei ALS legal zur VerfĂŒgung steht.

Literatur

[1] https://www.dgm.org/muskelerkrankungen/amyotrophe-lateralsklerose-als

[2] https://www.neurologienetz.de/fachliches/erkrankungen/neuro-muskulaere-erkrankun…

[3] https://www.lateralsklerose.info/als_die-krankheit/als_symptome/

[4] Riva N, Mora G, SorarĂč G et al. Safety and efficacy of nabiximols on spasticity symptoms in patients with motor neuron disease (CANALS): a multicentre, double-blind, randomised, placebo-controlled, phase 2 trial. Lancet Neurol 2019 Feb;18(2):155-164

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