Düsseldorf, 18. Juni 2025 – Die Inflationsrate in Deutschland verharrte im Mai 2025 bei 2,1 Prozent und liegt damit nahe am Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent. Dies geht aus dem aktuellen Inflationsmonitor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung hervor. Die Analyse zeigt, dass acht von neun untersuchten Haushaltstypen eine Teuerungsrate unter oder auf dem Niveau des EZB-Ziels verzeichneten, mit einer Spanne von 1,4 bis 2,0 Prozent. Besonders einkommensschwache Haushalte profitieren von der aktuellen Entwicklung, da sie weniger stark von steigenden Dienstleistungspreisen betroffen sind.
Niedrige Teuerungsraten für einkommensschwache Haushalte
Während der Inflationswelle 2022 und 2023 waren Haushalte mit niedrigen Einkommen, insbesondere Familien, überdurchschnittlich belastet, da Güter des Grundbedarfs wie Nahrungsmittel und Energie stark im Preis stiegen. Im Mai 2025 zeigt sich ein anderes Bild: Paare mit Kindern und niedrigen Einkommen (2000–2600 Euro netto) verzeichneten mit 1,4 Prozent die niedrigste Teuerungsrate. Auch Alleinlebende mit niedrigen Einkommen (unter 900 Euro netto) hatten mit 1,7 Prozent eine vergleichsweise geringe Inflation. Ähnlich moderat fielen die Raten für Alleinerziehende (1,5 Prozent) und Alleinlebende mit mittlerem Einkommen (1,6 Prozent) aus. Der Rückgang der Energiepreise, die bei diesen Haushalten einen hohen Anteil am Budget ausmachen, trägt maßgeblich zu dieser Entlastung bei.
Höhere Inflationsraten wurden bei einkommensstärkeren Haushalten beobachtet, die stärker Dienstleistungen wie Versicherungen, Pflege oder Gastronomie nachfragen, die sich derzeit weiter verteuern. Alleinlebende mit sehr hohen Einkommen (über 5000 Euro netto) erreichten mit 2,0 Prozent exakt das EZB-Ziel, gefolgt von Paaren mit Kindern und hohen Einkommen (1,9 Prozent) sowie Paaren ohne Kinder mit mittlerem Einkommen (1,8 Prozent). Dennoch sank die Inflation auch bei diesen Gruppen leicht, da die Preise für Pauschalreisen nach dem Osteranstieg im April wieder abflauten. Die Spanne der haushaltsspezifischen Inflationsraten verringerte sich von 0,8 Prozentpunkten im April auf 0,6 Prozentpunkte im Mai, was auf eine zunehmende Angleichung der Teuerung hinweist.
Methodische Unterschiede zur offiziellen Inflationsrate
Die haushaltsspezifischen Inflationsraten des IMK liegen leicht unter der Gesamtinflation von 2,1 Prozent, die das Statistische Bundesamt (Destatis) berechnet. Dies liegt an unterschiedlichen Gewichtungen: Während das IMK die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) nutzt, basiert die Berechnung von Destatis seit 2023 auf der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Die EVS ermöglicht eine detaillierte Analyse der Konsummuster von neun repräsentativen Haushaltstypen, die sich nach Einkommen und Haushaltsgröße unterscheiden.
Langfristige Perspektive: Nahrungsmittelpreise bleiben Treiber
Ein langfristiger Vergleich verdeutlicht die Nachwirkungen der Preissteigerungen seit 2019. Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke waren im Mai 2025 um 39,6 Prozent teurer als vor Pandemie und Ukrainekrieg, Energie um 33,0 Prozent. Dies übersteigt die kumulierte EZB-Zielinflation von 12,6 Prozent in diesem Zeitraum deutlich. Besonders einkommensschwache Haushalte, deren Budget stark von diesen Gütern geprägt ist, waren in den Vorjahren entsprechend belastet. Die aktuelle Entspannung bei Energiepreisen kommt ihnen daher besonders zugute.
Wirtschaftspolitische Implikationen
Dr. Silke Tober, IMK-Expertin für Geldpolitik, erwartet, dass die Inflationsrate 2025 um die zwei Prozent schwanken wird. Allerdings sieht sie Risiken in beide Richtungen: Ein eskalierender Konflikt im Nahen Osten könnte die Energiepreise in die Höhe treiben, während ein globaler Zollkonflikt, angeführt von den USA, eine Rezession und damit eine Unterschreitung des Inflationsziels auslösen könnte. Angesichts der wirtschaftlichen Stagnation in Deutschland und der schwachen Konjunktur im Euroraum fordert Tober eine weitere Zinssenkung durch die EZB. Die jüngste Senkung des Leitzinses auf 2,0 Prozent am 11. Juni sei ein Schritt in die richtige Richtung, reiche jedoch nicht aus. Die Aufwertung des Euro um 10 Prozent gegenüber dem US-Dollar seit Jahresbeginn belaste zudem die Exportwirtschaft, was die Notwendigkeit einer lockeren Geldpolitik unterstreiche.
Tober betont, dass eine Belebung der Binnennachfrage nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geopolitisch von Vorteil wäre, da sie die Verhandlungsposition Europas im Zollkonflikt stärken könnte. Die Bundesregierung sei gefordert, durch Investitionen und Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise die Konjunktur anzukurbeln.
Fazit
Die Stabilisierung der Inflation bei 2,1 Prozent zeigt, dass die Preissteigerungen in Deutschland weitgehend unter Kontrolle sind. Besonders einkommensschwache Haushalte profitieren von der aktuellen Entwicklung, während einkommensstarke Haushalte durch steigende Dienstleistungspreise etwas stärker belastet sind. Die enge Spanne der haushaltsspezifischen Inflationsraten signalisiert eine wachsende Gleichmäßigkeit der Teuerung. Dennoch bleiben geld- und fiskalpolitische Maßnahmen entscheidend, um die wirtschaftliche Stagnation zu überwinden und externe Risiken abzufedern. Der IMK Inflationsmonitor bietet mit seiner detaillierten Analyse eine wertvolle Grundlage für die wirtschaftspolitische Debatte.
