Warum Deutschland einen höheren Mindestlohn braucht: Ein internationaler Vergleich

Durch | 27. Juni 2025

Die Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland auf 12,82 Euro pro Stunde zum 1. Januar 2025 hat eine hitzige Debatte ausgelöst. Während die Bundesregierung und insbesondere die SPD die Erhöhung als notwendigen Schritt zur Sicherung eines existenzsichernden Einkommens feiern, stoßen Arbeitgeberverbände und die CDU auf massive Kritik. Sie warnen vor Arbeitsplatzverlusten, steigender Inflation und einer Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit. Doch ein Vergleich mit Ländern wie der Schweiz und Australien, gestützt auf peer-review-Studien und offizielle Statistiken, zeigt, dass diese Klagen weitgehend übertrieben und teilweise absurd erscheinen, da höhere Mindestlöhne anderswo die Wirtschaft nicht geschädigt, sondern gestärkt haben.

Mindestlohn in Deutschland: Entwicklung und aktuelle Lage

Seit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns 2015 bei 8,50 Euro pro Stunde wurde dieser schrittweise angehoben, zuletzt auf 12,82 Euro im Januar 2025. Laut der Bundesregierung profitieren etwa zehn Millionen Beschäftigte direkt oder indirekt von der Erhöhung, insbesondere Frauen und Ostdeutsche im Niedriglohnsektor, wo 16 Prozent der Arbeitnehmer tätig sind. Die Mindestlohnkommission, bestehend aus je drei Vertretern von Arbeitgebern und Gewerkschaften sowie einer unabhängigen Vorsitzenden, empfahl die Anhebung, bleibt jedoch hinter den EU-Vorgaben zurück, die 60 Prozent des Medianlohns (ca. 14 Euro 2024) als Zielmarke vorgeben. Die SPD drängt auf eine weitere Erhöhung auf 15 Euro, was im Koalitionsvertrag mit der CDU als Ziel verankert ist, jedoch auf Widerstand stößt.

Klagen von Arbeitgebern und CDU

Arbeitgeberverbände wie Gesamtmetall kritisieren die Anhebung scharf. Hauptgeschäftsführer Oliver Zander warnte, ein Anstieg auf 15 Euro würde in zehn Jahren eine Lohnsteigerung von 76 Prozent bedeuten, während Tariflöhne nur um 29 Prozent gestiegen seien. Dies gefährde Arbeitsplätze, insbesondere im Niedriglohnsektor, und belaste Unternehmen in der Wirtschaftskrise. Die CDU, allen voran arbeitsmarktpolitischer Sprecher Stephan Stracke, spricht von einer „politischen Instrumentalisierung“ des Mindestlohns, die die Tarifautonomie untergrabe. Stracke verweist auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die negative Auswirkungen auf Beschäftigung und Lohnstrukturen nahelegt. Beide Seiten argumentieren, dass die Erhöhung die Wettbewerbsfähigkeit schwäche und Inflation treibe.

Vergleich mit der Schweiz und Australien

Ein internationaler Vergleich mit der Schweiz und Australien zeigt, dass höhere Mindestlöhne nicht zwangsläufig Arbeitsplätze gefährden oder die Wirtschaft schädigen. In Australien liegt der Mindestlohn 2025 bei umgerechnet 14,70 Euro pro Stunde, in der Schweiz (in Kantonen wie Genf) sogar bei über 23 Euro. Beide Länder haben niedrige Arbeitslosenquoten – Australien bei 4,1 Prozent, die Schweiz bei 2,4 Prozent (2024, OECD-Daten) – und starke Volkswirtschaften, die zeigen, dass hohe Mindestlöhne mit wirtschaftlichem Erfolg vereinbar sind.

In Australien hat die Fair Work Commission den Mindestlohn regelmäßig an die Lebenshaltungskosten angepasst, ohne dass dies zu massiven Arbeitsplatzverlusten führte. Eine Studie von Dube, Lester und Reich (2010) in den „Review of Economics and Statistics“ fand keine signifikanten Beschäftigungseffekte durch Mindestlohnanhebungen in den USA, ein Ergebnis, das auf Australien übertragbar ist, wo ähnliche Arbeitsmarktstrukturen bestehen. Stattdessen führte der Mindestlohn zu einer Umverteilung von Beschäftigung hin zu produktiveren Unternehmen, was die Wirtschaft stärkte.

Die Schweiz, die keinen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn hat, zeigt in Kantonen mit hohen Lohnuntergrenzen wie Genf, dass hohe Löhne die Produktivität und Mitarbeiterbindung fördern. Eine Studie des Schweizerischen Instituts für Außenwirtschaft (2023) zeigt, dass höhere Löhne in Genf die Fluktuation senken und Fachkräfte anziehen, was besonders in Branchen wie Gastgewerbe und Einzelhandel relevant ist. Die Arbeitslosenquote bleibt niedrig, und die Wirtschaftskraft leidet nicht, obwohl die Lohnkosten deutlich über denen Deutschlands liegen.

Absurdität der Klagen

Die Klagen von Arbeitgebern und CDU erscheinen vor diesem Hintergrund übertrieben. Peer-review-Studien, wie die von Dustmann et al. (2022), zeigen, dass der Mindestlohn in Deutschland die Beschäftigung von weniger produktiven zu produktiveren Betrieben verlagert hat, ohne signifikante Jobverluste zu verursachen. Eine IAB-Studie von 2023 bestätigt, dass von der Anhebung auf 12 Euro 2022 etwa 18 Prozent der Betriebe betroffen waren, aber nur 5 Prozent der Beschäftigten. Die befürchteten massiven Arbeitsplatzverluste blieben aus, und die Wirtschaft wuchs 2023 trotz Krise um 0,3 Prozent.

Die Warnungen vor Inflation sind ebenfalls übertrieben. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW, 2023) zeigt, dass der Mindestlohn nur einen marginalen Effekt auf die Inflation hat, da die betroffenen Branchen (z. B. Gastronomie, Textil) nur einen kleinen Teil der Konsumgüter ausmachen. In Australien und der Schweiz haben hohe Mindestlöhne die Kaufkraft der Geringverdiener gestärkt, was den Konsum und damit die Wirtschaft ankurbelt. Die Behauptung, ein Mindestlohn von 15 Euro würde die Wettbewerbsfähigkeit zerstören, widerspricht den Erfahrungen dieser Länder, wo hohe Löhne mit starker Exportwirtschaft koexistieren.

Die CDU und Arbeitgeber ignorieren zudem die EU-Mindestlohnrichtlinie, die 60 Prozent des Medianlohns fordert. In Deutschland lag der Mindestlohn 2023 bei nur 54 Prozent des Medianlohns, weit unter dem Ziel. Länder wie Portugal (68,2 Prozent) oder Frankreich (62,2 Prozent) zeigen, dass höhere Mindestlöhne soziale Ungleichheit verringern, ohne die Wirtschaft zu schädigen. Die Forderung nach einer „unabhängigen“ Kommission, wie von DIW-Präsident Marcel Fratzscher vorgeschlagen, entlarvt die politische Besetzung der aktuellen Mindestlohnkommission, die Arbeitgeberinteressen oft über die der Arbeitnehmer stellt.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile

Die Anhebung des Mindestlohns hat in Deutschland den Niedriglohnsektor geschrumpft und die Zahl der Bürgergeldempfänger leicht reduziert. Laut einer WSI-Studie der Hans-Böckler-Stiftung profitierten 2022 etwa acht Millionen Beschäftigte von der Erhöhung auf 12 Euro, vor allem Frauen und Ostdeutsche. Dies stärkt die soziale Gerechtigkeit und reduziert Einkommensungleichheit. In Australien und der Schweiz zeigen hohe Mindestlöhne, dass sie die Arbeitsmotivation und Produktivität steigern, da Arbeitnehmer fair entlohnt werden.

Die Klagen der Arbeitgeber, insbesondere aus Branchen wie Gastronomie und Textil, wo 30,7 Prozent der Unternehmen 2022 von der Anhebung betroffen waren, ignorieren, dass höhere Löhne auch die Nachfrage ankurbeln. In der Schweiz führte ein hoher Mindestlohn zu stabiler Beschäftigung in konsumnahen Branchen, da die Kaufkraft stieg. Die CDU-Vorbehalte gegen eine politische Erhöhung auf 15 Euro erscheinen zudem widersprüchlich, da selbst CDU-Sozialpolitiker Karl-Josef Laumann eine stärkere Orientierung an den Lebensrealitäten fordert.

Fazit

Die Anhebung des Mindestlohns auf 12,82 Euro ist ein Schritt in die richtige Richtung, bleibt aber hinter den Möglichkeiten zurück, die Länder wie Australien und die Schweiz vorleben. Die Klagen von Arbeitgebern und CDU über Arbeitsplatzverluste und wirtschaftliche Schäden entbehren einer soliden Grundlage, wie peer-review-Studien und internationale Vergleiche zeigen. Höhere Mindestlöhne fördern Produktivität, reduzieren Ungleichheit und stärken die Wirtschaft, ohne die befürchteten negativen Effekte. Die Bundesregierung sollte die EU-Richtlinie konsequent umsetzen und die Mindestlohnkommission reformieren, um eine faire Lohnpolitik zu gewährleisten. Die Debatte zeigt: Deutschland hat noch einen weiten Weg, um mit Vorreitern wie Australien und der Schweiz gleichzuziehen.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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