Europäer verklären Rolle ihrer Bevölkerung in der NS-Zeit

Durch | 7. August 2025

Eine internationale Studie unter der Leitung von Dr. Fiona Kazarovytska von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) zeigt, dass viele Europäer die Rolle ihrer Bevölkerung während der nationalsozialistischen Besatzung als Opfer oder Helden wahrnehmen, während freiwillige Kollaboration mit den Nazis selten anerkannt wird. Die Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal Political Psychology, basieren auf einer Online-Befragung mit 5.474 Teilnehmenden aus acht Ländern: Belgien, Frankreich, Litauen, Niederlande, Österreich, Polen, Ukraine und Ungarn.

Die repräsentative Umfrage untersuchte, wie Menschen heute die Rolle ihrer Bevölkerung unter der NS-Besatzung erinnern. Die Teilnehmenden bewerteten Aussagen wie „Die Menschen in meinem Land wurden verfolgt, weil sie Widerstand geleistet haben“ oder „Die Bevölkerung hatte keine andere Wahl, als mit den Nazis zu kooperieren“ auf einer Skala von 1 bis 7. Trotz historischer Unterschiede zeigte sich ein einheitliches Muster: Die Bevölkerung wird überwiegend als „Opfer-Helden“ dargestellt, die unter der Besatzung litten und mutig Widerstand leisteten. Zwang oder Angst als Gründe für Kollaboration werden häufig betont, während ideologisch motivierte Zusammenarbeit mit den Besatzern – etwa durch bürokratische Unterstützung bei Deportationen, antisemitische Gesetzgebung oder Gewaltakte – in der kollektiven Erinnerung kaum vorkommt.

Die Studie ist die erste, die systematisch die moralische Selbstwahrnehmung in acht europäischen Ländern untersucht. Sie zeigt, dass psychologische Schutzmechanismen, insbesondere der Wunsch nach einer positiven nationalen Identität, die Erinnerung prägen. Schuld oder Mitverantwortung anzuerkennen, ist mit einem positiven Selbstbild schwer vereinbar, weshalb narrative Strategien genutzt werden, um moralische Ambivalenz auszublenden. Diese Muster, die in Deutschland bereits bekannt sind, treten auch in Ländern mit unterschiedlichen historischen Rollen auf.

Die Ergebnisse verdeutlichen, wie stark das Bedürfnis nach moralischer Integrität die kollektive Erinnerung formt, oft im Widerspruch zu historischen Fakten. Sie bieten neue Einblicke in die psychologischen Mechanismen nationaler Erinnerungskulturen und unterstreichen die Notwendigkeit, sich mit der komplexen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Originalpublikation:
F. Kazarovytska, R. Imhof, G. Hirschberger, Beyond victimhood and perpetration: Reconstruction of the ingroup’s historical role in eight Eastern and Western European countries under Nazi occupation, Political Psychology 46: 4, 11. Juli 2025,
DOI: 10.1111/pops.13037
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/pops.13037

F. Kazarovytska, Identity protection and collective (non-)remembrance (Dissertation), 2024,
DOI: 10.25358/openscience-11822
http://doi.org/10.25358/openscience-11822

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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