Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) sind medizinische Behandlungen, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden und daher von Patienten selbst bezahlt werden müssen. Diese Leistungen, die von Augenheilkunde über Gynäkologie bis hin zur Orthopädie reichen, erfreuen sich trotz ihrer Kosten großer Beliebtheit, da sie oft als innovative oder ergänzende Behandlungsmethoden beworben werden. Laut dem Medizinischen Dienst Bund (MDB) geben gesetzlich Versicherte in Deutschland jährlich mindestens 2,4 Milliarden Euro für IGeL aus, wobei die Orthopädie mit 397 Millionen Euro zu den umsatzstärksten Fachbereichen zählt. Am 19. August 2025 veröffentlichte der MDB seinen aktualisierten IGeL-Monitor, der die wissenschaftliche Evidenz von 60 IGeL untersuchte. Das Ergebnis ist ernüchternd: Viele dieser Leistungen bieten kaum Nutzen und können erhebliche Risiken bergen, insbesondere Hyaluronsäure-Injektionen bei Arthrose und Stoßwellentherapie bei Kalkschulter oder Tennisarm.
Hyaluronsäure-Injektionen: Mehr Schaden als Nutzen
Hyaluronsäure-Injektionen werden häufig zur Behandlung von Knie- oder Hüftgelenksarthrose angeboten, einer Erkrankung, die in Deutschland weit verbreitet ist. Schätzungen zufolge sind etwa jede sechste Person zwischen 60 und 80 Jahren von Kniearthrose und jede zehnte von Hüftarthrose betroffen, bei über 80-Jährigen sogar noch häufiger. Diese Injektionen, die direkt ins Gelenk verabreicht werden, sollen die fehlende Gelenkflüssigkeit ersetzen, die Gleitfähigkeit des Knorpels verbessern und Schmerzen lindern. Ein Behandlungszyklus kostet zwischen 220 und 500 Euro, je nach Präparat.
Der IGeL-Monitor des MDB bewertet diese Injektionen jedoch als „negativ“. Studien mit Zehntausenden Patienten, die über 50 Jahre hinweg durchgeführt wurden, zeigen, dass die Schmerzreduktion minimal ist und klinisch kaum relevant. Hingegen können die Injektionen erhebliche Schäden verursachen, darunter Gelenkentzündungen und in seltenen Fällen Herzbeschwerden. Der MDB kritisiert, dass die Risiken den geringen Nutzen deutlich überwiegen, und fordert eine bessere Aufklärung der Patienten, da viele nicht über die potenziellen Gefahren informiert werden.
Stoßwellentherapie: Unklare Evidenz
Die extrakorporale Stoßwellentherapie, die bei Beschwerden wie Kalkschulter (schmerzhafte Veränderungen der Schultersehnen durch Kalkablagerungen) oder Tennisarm (Sehnenerkrankung des Unterarms) angeboten wird, ist eine weitere häufige IGeL-Leistung. Bei dieser Methode werden Schallwellen in den Körper gesendet, um Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern. Laut dem IGeL-Monitor fehlen jedoch aussagekräftige Studien, die die Wirksamkeit dieser Therapie belegen. Die Bewertung fällt daher mit „unklar“ aus, da die wenigen vorhandenen Studien widersprüchliche Ergebnisse liefern. Dies steht im Kontrast zur Stoßwellentherapie bei Fersenschmerzen, die seit 2019 unter bestimmten Bedingungen von Krankenkassen übernommen wird, nachdem der IGeL-Monitor sie als „tendenziell positiv“ bewertet hatte.
Ernüchterndes Fazit des IGeL-Monitors
Der IGeL-Monitor, ein seit 2012 vom MDB betriebenes Informationsportal, hat 60 Selbstzahlerleistungen systematisch auf ihren Nutzen und ihre Risiken geprüft. Das Ergebnis ist alarmierend: 31 Leistungen wurden negativ bewertet, bei 26 ist die Datenlage unklar, und nur drei Leistungen – Akupunktur zur Migränevorbeugung, Uro-Vaxom zur Prävention wiederkehrender Blasenentzündungen und Lichttherapie bei saisonaler Depression – erhielten eine tendenziell positive Bewertung. Der Vorsitzende des MDB, Dr. Stefan Gronemeyer, betont, dass viele IGeL mehr schaden als nützen. Ein Hauptproblem ist die mangelnde Aufklärung in Arztpraxen. Viele Patienten glauben, dass IGeL sinnvolle Leistungen seien, die nicht mehr von Krankenkassen übernommen werden, was laut Gronemeyer ein Irrtum ist. Er kritisiert zudem die oft irreführende Werbung durch Praxisflyer oder Wartezimmer-TVs und fordert zwei konkrete Maßnahmen: Praxen sollten verpflichtet werden, unabhängige, wissenschaftsbasierte Informationen bereitzustellen, und IGeL sollten nicht am Tag des Angebots erbracht werden, um Patienten Bedenkzeit zu geben.
Verbraucherschutz und Missstände
Verbraucherschützer wie Thomas Moormann vom Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) unterstützen die Kritik des MDB. Eine Untersuchung des VZBV zeigte, dass Ärzte häufig IGeL statt kostenfreier Kassenleistungen anbieten, etwa bei Hautkrebsuntersuchungen oder augenärztlichen Checks. Solche Praktiken verstoßen gegen vertragliche Verpflichtungen, da Ärzte verpflichtet sind, über verfügbare Kassenleistungen aufzuklären. Der hohe Umsatz im IGeL-Markt – 544 Millionen Euro in der Augenheilkunde, 543 Millionen in der Gynäkologie und 397 Millionen in der Orthopädie – verdeutlicht die Verbreitung dieser Leistungen, die oft ohne ausreichende Evidenz beworben werden. Der Patientenbeauftragte des Bundes, Stefan Schwartze, geht sogar weiter und fordert ein Verbot bestimmter schädlicher IGeL.
Hintergrund und Bedeutung
Die Nachfrage nach IGeL wie Hyaluronsäure-Injektionen oder Stoßwellentherapie ist durch die hohe Prävalenz von Erkrankungen wie Arthrose getrieben, für die es keine heilende Therapie gibt. In Deutschland leiden etwa 16 % der 60- bis 80-Jährigen an Kniearthrose und 10 % an Hüftarthrose, bei über 80-Jährigen sind die Zahlen noch höher. Während Kassenleistungen wie Physiotherapie, Schmerzmittel oder Gelenkersatz bei schwerer Arthrose übernommen werden, greifen viele Patienten zu IGeL in der Hoffnung auf schnelle Linderung. Der IGeL-Monitor zeigt jedoch, dass der finanzielle und gesundheitliche Preis oft unverhältnismäßig hoch ist. Die Kritik des MDB zielt darauf ab, Patienten besser zu schützen und die Transparenz im Gesundheitswesen zu erhöhen, um Fehlinformationen und unnötige Risiken zu vermeiden.
Fazit
Die Warnungen der Krankenkassen und des Medizinischen Dienstes Bund unterstreichen die Risiken von IGeL, insbesondere bei Hyaluronsäure-Injektionen gegen Arthrose und Stoßwellentherapie bei Kalkschulter oder Tennisarm. Während diese Behandlungen als Hoffnungsträger für Schmerzlinderung beworben werden, zeigen wissenschaftliche Analysen, dass sie entweder schädlich oder von unklarem Nutzen sind. Der IGeL-Monitor fordert mehr Aufklärung und strengere Regulierung, um Patienten vor unnötigen Kosten und Gesundheitsrisiken zu schützen. Patienten sollten sich vor der Inanspruchnahme von IGeL gründlich informieren, etwa über www.igel-monitor.de, und alternative Kassenleistungen in Betracht ziehen, die oft effektiver und sicherer sind.
