Die Welt des Live-Streamings, die Millionen von Menschen weltweit unterhält, hat eine dunkle Seite, die durch den Tod des französischen Streamers Raphaël Graven, bekannt als Jean Pormanove oder JP, am 18. August 2025 ins Rampenlicht gerückt wurde. Graven, ein 46-jähriger ehemaliger Soldat, war auf der Streaming-Plattform Kick eine prominente Figur mit über einer Million Followern auf verschiedenen sozialen Medien. Seine Inhalte reichten von Gaming-Streams bis hin zu extremen Herausforderungen, die oft Gewalt und Demütigungen beinhalteten. Sein Tod während eines fast zwölftägigen (298 Stunden) Livestreams in Contes, nahe Nizza, hat eine breite Debatte über die Sicherheit von Online-Plattformen, die Verantwortung von Content-Creators und die Rolle von Zuschauern ausgelöst. Die französischen Behörden haben eine Untersuchung eingeleitet, um die Umstände seines Todes zu klären, während Politiker und Medien die laxen Regulierungen der Streaming-Plattform Kick kritisieren.
Der Vorfall
Raphaël Graven starb am Montag, dem 18. August 2025, während eines Livestreams auf Kick, der als „XXL-Challenge“ beworben wurde und fast 12 Tage dauerte. In diesem Stream, der etwa 36.000 Euro durch Zuschauerspenden einbrachte, war Graven laut Berichten physischer Gewalt, Schlafentzug und erniedrigenden Handlungen ausgesetzt. Videos zeigen, wie Graven von seinen Co-Streamern, insbesondere Owen Cenazandotti (bekannt als Naruto) und Safine Hamadi, gewürgt, mit Paintballs beschossen, mit Wasser übergossen oder gezwungen wurde, unangenehme Substanzen zu konsumieren. In einem Clip, der nach seinem Tod viral ging, liegt Graven leblos auf einer Matratze, während ein anderer Streamer eine Wasserflasche in seine Richtung wirft und bemerkt, dass er sich in einer „seltsamen Position“ befindet, bevor die Übertragung abrupt beendet wird. Zuschauer hatten zuvor Geld gespendet, um Nachrichten zu senden, die die anderen Streamer auf Gravens Zustand aufmerksam machten, doch es erfolgte keine sofortige Reaktion.
Graven litt Berichten zufolge an Herz-Kreislauf-Problemen und nahm Medikamente. In einem Video sprach er von seiner gesundheitlichen Belastung, und in einer Nachricht an seine Mutter, die Cenazandotti während des Streams vorlas, klagte er, „gefangen gehalten“ zu werden und dass das „Spiel zu weit“ gehe. Es bleibt unklar, inwieweit diese Aussagen ernst gemeint oder Teil der inszenierten Performance waren. Die Staatsanwaltschaft von Nizza hat eine Autopsie angeordnet, die am 21. August 2025 durchgeführt wurde, um die genaue Todesursache zu ermitteln. Bisher wurden keine Anklagen erhoben, und die Befragungen der anwesenden Personen, darunter Cenazandotti und Hamadi, haben keine klaren Hinweise auf die Todesursache geliefert.
Die Rolle der Streaming-Plattform Kick
Kick, eine 2022 gegründete australische Streaming-Plattform und Konkurrent von Twitch, ist bekannt für ihre laxeren Moderationsrichtlinien und höhere Einnahmeanteile für Streamer. Während dies die Plattform für Content-Creators attraktiv macht, steht sie nun unter Beschuss, da sie es versäumt hat, die exzessive Gewalt und Demütigung in Gravens Streams zu unterbinden. Die französische Ministerin für digitale Angelegenheiten und KI, Clara Chappaz, bezeichnete den Vorfall als „absoluten Horror“ und betonte, dass Graven „monatelang live auf der Kick-Plattform gedemütigt und misshandelt“ wurde. Sie hat die Angelegenheit an die Medienaufsichtsbehörde Arcom und die Plattform Pharos zur Meldung illegaler Inhalte weitergeleitet und forderte eine strengere Regulierung von Online-Plattformen. Kick erklärte, alle beteiligten Streamer bis zum Abschluss der Ermittlungen gesperrt zu haben, und betonte, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Kritiker wie Chappaz werfen der Plattform jedoch vor, von Sensationsgier zu profitieren, da solche Inhalte hohe Zuschauerzahlen und Spenden generieren.
Frühere Ermittlungen und Kontroversen
Bereits im Dezember 2024 leitete die Polizei in Nizza eine Untersuchung ein, basierend auf einem Bericht der französischen Medienplattform Mediapart, der auf Gewalt und Demütigung in Gravens Streams hinwies. Im Januar 2025 wurden Graven und ein weiterer Streamer, bekannt als Coudoux, von der Polizei befragt. Beide bestritten, Opfer von Gewalt zu sein, und erklärten, die Handlungen seien inszeniert, um „Buzz“ zu erzeugen und Einnahmen zu steigern. Diese Aussage wirft Fragen über die Freiwilligkeit von Gravens Beteiligung auf, insbesondere vor dem Hintergrund einer Nachricht an seine Mutter, in der er sich über die Behandlung beschwerte. Der Anwalt von Cenazandotti, Yassin Sadouni, betonte, dass die Interaktionen inszeniert gewesen seien und sein Mandant keine Verantwortung für Gravens Tod trage. Dennoch hat Cenazandotti seit dem Vorfall selbst Online-Belästigung erfahren und Anzeige erstattet.
Gesellschaftliche und regulatorische Implikationen
Gravans Tod hat eine breite Debatte über die Verantwortung von Streaming-Plattformen und die Gefahren des „Extreme Streaming“ ausgelöst, das Zuschauer durch schockierende Inhalte anzieht. Vergleichbare Vorfälle, wie der Tod einer venezolanischen TikTok-Influencerin im Juli 2025 oder einer mexikanischen Influencerin im Mai 2025, verdeutlichen die globale Dimension dieses Problems. In Frankreich hat der Vorfall die Forderung nach strengeren Regulierungen für Plattformen wie Kick verstärkt. Die französische Kinderbeauftragte Sarah El Hairy wies auf die Verantwortung von Plattformen hin, Kinder vor gewalttätigen Inhalten zu schützen, und rief Eltern zur erhöhten Wachsamkeit auf. Die Medienaufsicht Arcom steht unter Druck, da sie trotz früherer Warnungen nicht eingriff. Kritiker vergleichen die Situation mit dystopischen Szenarien wie in der Serie Black Mirror, in denen die Jagd nach Aufmerksamkeit zu extremen Konsequenzen führt.
Reaktionen und Gedenken
Owen Cenazandotti gab Gravens Tod am 18. August 2025 auf Instagram bekannt und bezeichnete ihn als „Bruder, Partner und Freund“. Er bat darum, keine Videos von Gravens letzten Momenten zu verbreiten, um die Familie zu schützen. Safine Hamadi veröffentlichte ebenfalls eine kurze Gedenkbotschaft mit „Ruhe in Frieden, mein Bruder“. Die Zuschauerreaktionen auf Plattformen wie X waren gemischt: Einige, wie @Melissa06630, forderten harte Strafen für die Co-Streamer und Kick, während andere, wie @Annchirisu, die Zuschauer kritisierten, die durch Spenden die Gewalt angeheizt haben. Der Vorfall hat auch Prominente wie den US-Streamer Adin Ross und den Rapper Drake erreicht, die angekündigt haben, Gravens Beerdigung zu finanzieren.
Fazit
Der Tod von Raphaël Graven während eines extremen Livestreams auf Kick wirft ein Schlaglicht auf die Risiken unregulierter Streaming-Plattformen und die Verantwortungslosigkeit von Content-Creators, die für Aufmerksamkeit und Spenden immer gefährlichere Inhalte produzieren. Die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Nizza sollen klären, ob Schlafentzug, Gewalt oder andere Faktoren, wie Gravens Herzprobleme, zu seinem Tod beigetragen haben. Der Fall hat eine dringende Debatte über die Regulierung von Online-Plattformen und den Schutz von Streamern und Zuschauern ausgelöst. Ohne strengere Vorgaben drohen ähnliche Tragödien, während die Verantwortung zwischen Plattformen, Streamern und Zuschauern weiterhin umstritten bleibt.
