Eine neue Studie der Hebräischen Universität Jerusalem untersucht, wie der Israel-Gaza-Krieg Religion und Spiritualität junger Erwachsener verändert. Bei einer Befragung von über 1.200 Studenten stellten die Forscher fest, dass die Hälfte von Veränderungen ihrer Religiosität und/oder Spiritualität berichtete, wobei Zunahmen häufiger waren als Abnahmen. Die Ergebnisse zeigen, dass kultureller Hintergrund und die direkte Auseinandersetzung mit Konflikten beeinflussen, ob Menschen ihren Glauben vertiefen, sich der Spiritualität zuwenden oder sich von der Religion abwenden.
[Hebräische Universität Jerusalem] – Jahrhundertelang haben sich Menschen dem Glauben und der Spiritualität zugewandt, um die dunkelsten Stunden des Lebens zu überstehen. Doch was passiert, wenn der Krieg selbst zum ständigen Hintergrund des täglichen Lebens wird? Eine neue Studie der Hebräischen Universität Jerusalem beleuchtet, wie Konflikte die inneren Sinnwelten der Menschen neu formen, und zeigt, dass Krieg religiöse und spirituelle Überzeugungen sowohl stärken als auch schwächen kann. Im Rahmen der von Yaakov Greenwald, Prof. Mario Mikulincer und Prof. Ariel Knafo-Noam vom Institut für Psychologie
durchgeführten Studie wurden während des andauernden Israel-Gaza-Krieges (2023–2025) mehr als 1.200 jüdisch-israelische Universitätsstudenten befragt. Die Teilnehmer wurden zu ihren religiösen und spirituellen Überzeugungen befragt, und die Ergebnisse zeichnen ein bemerkenswertes Bild: Die Hälfte der Befragten berichtete von Veränderungen in irgendeiner Form. Bemerkenswerterweise waren Zunahmen häufiger als Abnahmen. Etwa jeder vierte Student wurde religiöser, während jeder dritte spiritueller wurde. Bei vielen schien die Konfrontation mit dem Trauma des Krieges die Suche nach Trost in Religion/Spiritualität zu verstärken. Gleichzeitig bewegte sich eine bedeutende Minderheit in die entgegengesetzte Richtung – sie wandte sich von der Religion ab oder lehnte sie ab. Die Forscher erklären, dass diese Veränderungen nicht isoliert vom kulturellen Kontext verstanden werden können. In Israel sind die jüdischen Gemeinden in säkulare, traditionelle, religiöse und ultraorthodoxe Gruppen unterteilt, die jeweils ihre eigene Beziehung zum Glauben haben. Die Studie ergab, dass Mitglieder religiöserer Gruppen während des Krieges deutlich eher religiös wurden, während säkulare Teilnehmer oft eher zur Spiritualität als zur organisierten Religion tendierten. Einige Studenten, insbesondere säkulare, berichteten sogar von einem Rückgang ihrer Religiosität, was unterstreicht, dass Konflikte nicht alle in die gleiche Richtung drängen. Zur Beschreibung dieser Ergebnisse griffen die Forscher auf die Terror Management Theory zurück, ein psychologisches Modell, das besagt, dass Erinnerungen an die Sterblichkeit Menschen dazu bringen können, existenzielle Sicherheit in kulturellen Werten oder spirituellen Überzeugungen zu suchen. Laut dieser Theorie verstärkt Krieg das Todesbewusstsein täglich – durch Raketenangriffe, die Medienberichterstattung über Opfer und den Militärdienst –, was Menschen je nachdem, was ihrer Gemeinschaft wichtiger ist, entweder zur Religion hin- oder von ihr abbringen kann.
Greenwald bemerkt: „Perioden anhaltenden Stresses stärken nicht bei jedem den Glauben. Manche Menschen nähern sich dadurch der Religion an, andere bestärken säkulare Werte oder regen zu spiritueller Suche außerhalb der organisierten Religion an.“
Wichtig ist, dass die Studie auch zeigte, dass direkte Kriegserfahrungen – wie Verletzungen, der Verlust eines geliebten Menschen oder das Leben unter Raketenbeschuss – mit einer Zunahme von Religiosität und Spiritualität verbunden waren. Dies deutet darauf hin, dass Menschen, je unmittelbarer sie vom Krieg betroffen sind, umso eher ihre Glaubenssysteme hinterfragen und neu gestalten.
Die Ergebnisse bieten einen seltenen, zeitnahen Einblick in die Entwicklung des Glaubens unter dem Druck eines anhaltenden Konflikts. Frühere Studien zu Religion und Krieg waren oft retrospektiv und wurden Jahre nach Beendigung der Kämpfe durchgeführt. Hier konnten die Forscher Veränderungen in den ersten Kriegsmonaten feststellen und so einzigartige Einblicke gewinnen, wie schnell sich Glaubenssysteme als Reaktion auf Krisen verändern können.
Während sich frühere Studien oft nur auf die Zunahme religiöser Hingabe konzentrierten, zeigt diese Studie, dass auch ein Rückgang dazugehört. Manche Menschen können aus Ernüchterung, Trauer oder Frustration gegenüber religiösen Institutionen ihren Glauben genau in dem Moment verlieren, in dem andere ihn annehmen. Die Autoren argumentieren, dass es wichtig sei, beide Trends zu erkennen, um zu verstehen, wie Menschen in traumatischen Zeiten nach Sinn suchen.
Die Studie unterstreicht, dass Krieg nicht nur ein politisches oder militärisches, sondern auch ein existenzielles Ereignis ist. Er verändert nicht nur Landschaften und Gemeinschaften, sondern auch die tiefgreifenden persönlichen Überzeugungen, die das Leben der Menschen bestimmen. Die Studie zeigt, wie Religion und Spiritualität im Krieg sowohl auf- als auch absteigen können. Sie liefert wertvolle Erkenntnisse für Fachkräfte im Bereich der psychischen Gesundheit, Pädagogen und Gemeindeleiter, die sich für die Unterstützung chronisch gestresster Bevölkerungsgruppen einsetzen.
