Absatzkrise trifft Ostdeutschland hart: Der Niedergang der Autoindustrie im Osten

Durch | 24. September 2025

Die deutsche Autoindustrie ringt mit einer anhaltenden Absatzschwäche, die besonders die Standorte im Osten des Landes in Bedrängnis bringt. Im Werk von Opel in Eisenach, einem der letzten Bollwerke der traditionellen Automobilproduktion in Thüringen, müssen die Fertigungsstraßen im Oktober an zwei Werktagen stillstehen. Der Mutterkonzern Stellantis passt damit das Produktionsvolumen an die gedämpfte Nachfrage in Europa an, ohne auf Kurzarbeit zurückzugreifen. Die Ausfälle werden über das Arbeitszeitkonto der rund 1.150 Beschäftigten ausgeglichen. Hier, wo seit Jahrzehnten das Modell Grandland in Varianten von Hybrid bis Elektro fährt, signalisiert die Maßnahme den Beginn einer breiteren Krise, die die gesamte ostdeutsche Autoindustrie bedroht.

Ein Hoffnungsträger wird zur Belastung

Die ostdeutsche Autoindustrie, die nach der Wende als Motor der wirtschaftlichen Erholung galt, steht nun vor dem Abgrund. Werke wie Opel in Eisenach oder Volkswagen in Zwickau und Chemnitz waren Pioniere, die nach dem Fall der Mauer Tausende Jobs schufen und Regionen wie Sachsen und Thüringen stabilisierten. Heute hängt jeder vierte Industriearbeitsplatz im Osten von der Branche ab – ein Anteil, der im Westen deutlich niedriger liegt. Doch die Transformation zur Elektromobilität, gepaart mit globalen Herausforderungen, hat aus dem Hoffnungsträger eine Belastung gemacht. Die Auslastung im Eisenacher Werk lag 2023 bei nur 27 Prozent, bei einer Kapazität von 200.000 Fahrzeugen pro Jahr. Ähnlich prekär präsentiert sich die Lage in Rüsselsheim, wo Opel ebenfalls mit Überkapazitäten kämpft.

Der Stellantis-Konzern, zu dem neben Opel auch Marken wie Peugeot und Fiat gehören, hat im ersten Halbjahr 2025 einen Milliardenverlust eingestanden. Die Produktionspausen betreffen nicht nur Eisenach, sondern sechs Werke in Europa, darunter in Frankreich, Italien, Polen und Spanien. Ziel ist es, Lagerbestände abzubauen und Kosten zu senken, während die Nachfrage nach Verbrennern und Hybriden einbricht. In Eisenach, wo kürzlich 130 Millionen Euro in eine Batteriefertigung investiert wurden, läuft die Produktion derzeit stabil – doch die Unsicherheit wächst. Experten warnen: Ohne zusätzliche Modelle droht dem Standort die Unterauslastung auf Dauer.

VW in Sachsen: Von der E-Auto-Vorreiterrolle zur Schließungswelle

Noch dramatischer zeichnet sich der Niedergang in Sachsen ab, dem Herz der ostdeutschen Autoindustrie. Das Volkswagen-Werk in Zwickau, einst als erstes vollständig auf Elektrofahrzeuge umgerüstet gefeiert, plant massive Einschnitte. Ab 2027 soll die Produktion des ID.3 und des Cupra Born nach Wolfsburg verlagert werden, was eine der beiden Fertigungslinien stilllegen würde. Bereits jetzt endet die Fahrzeugproduktion in der Gläsernen Manufaktur in Dresden Ende 2025. Im Zwickauer Werk, das rund 9.500 Beschäftigte umfasst, laufen über 1.000 befristete Verträge aus, und der Betrieb wechselt auf Zweischicht-System ohne Nachtschicht. Die schwache E-Auto-Nachfrage – im ersten Quartal 2025 nur 11.000 Einheiten des Born verkauft – treibt diese Entscheidungen voran.

Die Folgen reichen weit über die Tore der Werke hinaus. In Sachsen, wo fast die Hälfte der ostdeutschen Autobeschäftigten arbeitet, bedroht der Abbau bis zu 40 Prozent der 50.000 Industrieplätze. Zulieferer, oft kleine Betriebe mit weniger als 250 Mitarbeitern, haben auf Komponenten für Verbrenner gesetzt, die nun obsolet werden. Rund 70 Prozent dieser Teile fallen in naher Zukunft weg. Insolvenzen häufen sich, und der sächsische Automobilzuliefererverband warnt vor einem Dominoeffekt. In Chemnitz, wo VW Motoren baut, und in Leipzig bei Porsche und BMW stagniert die Lage ebenfalls. Während BMW in Leipzig die Produktion um 18 Prozent steigern konnte, kündigt VW weitere Drosselungen an, darunter einen dreiwöchigen Stopp auf einer Linie.

Stellenabbau und wirtschaftliche Verwerfungen: Ostdeutschland am Scheideweg

Der Stellenabbau in der ostdeutschen Autoindustrie eskaliert. Zwischen Juni 2024 und Juni 2025 verschwanden bundesweit über 50.000 Jobs in der Branche – der höchste Verlust aller Industrien. Im Osten trifft es besonders hart: In Thüringen sank die Zahl der Zulieferer-Beschäftigten um ein Fünftel durch den Strukturwandel. Ende 2024 zählte die deutsche Autoindustrie nur noch 761.000 Stellen, der niedrigste Stand seit 2013. Bis 2030 drohen weitere Tausende Abbau, vor allem bei Zulieferern wie Bosch oder ZF, die in Saarbrücken und anderswo kürzen. Junge Ingenieure und befristet Angestellte sind die ersten Opfer; die IG Metall spricht von einer „Personalabbauwelle“, die Fahrt aufnimmt.

Die Ursachen sind vielfältig: Hohe Energie- und Lohnkosten in Deutschland, eine Flaute bei E-Autos durch fehlende Subventionen und den Dieselskandal-bedingten Vertrauensverlust, sowie der gnadenlose Wettbewerb aus China. Exporte in den größten Markt schrumpfen um bis zu 3 Prozent, während US-Zölle und geopolitische Spannungen die Lage verschärfen. Rund 95 Prozent der ostdeutschen Betriebe müssen sich noch auf neue Technologien umstellen, viele sind jedoch zu klein, um den Druck zu stemmen. Die Umsätze der Branche fielen 2024 um fünf Prozent, und Prognosen für 2025 sehen weitere Einbußen.

Politische Appelle und der Ruf nach Transformation

Gewerkschaften und Politiker fordern mehr Unterstützung: Die IG Metall drängt auf Förderprogramme für die Umstellung auf Elektro- und Mobilitätslösungen, während Ministerien in Sachsen und Thüringen mit Konzernen wie VW und Audi verhandeln. Audi, gegründet in Zwickau, könnte als Retter einspringen, doch konkrete Pläne fehlen. Experten sehen den Ausweg in Diversifikation: Zulieferer sollten in andere Branchen wie erneuerbare Energien ausweichen. Doch ohne schnelle Investitionen droht dem Osten ein „Schrumpfungsprozess“, der die Regionen jahrelang belasten würde.

Der Produktionsstopp in Eisenach ist somit kein Einzelfall, sondern Symptom eines systemischen Niedergangs. Die ostdeutsche Autoindustrie, die vor 35 Jahren aus den Trümmern der DDR-Wirtschaft aufstieg, kämpft nun ums Überleben. Ohne entschlossene Maßnahmen könnte sie ihren Status als Wirtschaftsmotor einbüßen – und Tausende Familien in den neuen Ländern in die Unsicherheit stürzen.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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