Ein bundesweites Problem, das seit 2019 die Einbürgerungsverfahren belastet, gewinnt durch aktuelle Enthüllungen an Schärfe: Tausende gefälschte Sprachzertifikate und Integrationstests zirkulieren in Deutschland und ebnen den Weg zu Aufenthaltstiteln und Staatsbürgerschaften. Journalistische Recherchen haben kürzlich das Ausmaß des Betrugs offengelegt, der organisierten Kriminalitätsnetzwerken zu Millionengewinnen verhilft. Besonders in ostdeutschen Regionen wie dem Landkreis Mansfeld-Südharz, wo die Nachfrage nach Einbürgerungen hoch ist, testen Behörden nun verstärkt Maßnahmen, um unzureichende Deutschkenntnisse und Fälschungen aufzudecken. Doch der Skandal wirft Fragen nach der Wirksamkeit des gesamten Systems auf und sorgt für Forderungen nach einer grundlegenden Reform.
Ein alter Kampf mit neuen Enthüllungen
Der Betrug mit gefälschten Dokumenten ist kein Neuland. Bereits seit 2019 melden Behörden und Medien Fälle, in denen Zertifikate für Sprachniveaus wie B1 oder den Test „Leben in Deutschland“ manipuliert werden. Diese Papiere sind essenziell für Ausländer, die eine Niederlassungserlaubnis oder Einbürgerung anstreben – Voraussetzungen, die seit der Reform des Aufenthaltsrechts 2024 sogar nach nur drei Jahren Aufenthalt erfüllbar sind. Kriminelle Netzwerke, oft mit Wurzeln in der organisierten Kriminalität, haben ein florierendes Geschäft aufgebaut: Über Plattformen wie TikTok werden die täuschend echten Fakes für Preise zwischen 750 und 2.700 Euro angeboten, inklusive Kurierlieferung bundesweit. Anbieter werben routiniert mit Paketen für Familien oder Gruppen, und undercover-Untersuchungen zeigen, dass die Dokumente – oft Imitationen von Anbietern wie telc oder Volkshochschulen – mühelos bei Ausländerbehörden durchgehen.
Die jüngste Recherche von Medienhäusern hat das Problem auf die Spitze getrieben: Allein auf TikTok operieren über 40 Accounts, die wöchentlich Hunderte Kunden bedienen sollen. Experten schätzen, dass allein in diesem Jahr Zehntausende solcher Zertifikate im Umlauf sein könnten, was den Weg für illegale Einbürgerungen ebnet. Das Bundesverwaltungsamt verzeichnet für die letzten fünf Jahre 1.009 rückgängig gemachte Einbürgerungen – ein Rekord mit 270 Fällen allein 2025. Ob Fälschungen dahinterstecken, wird jedoch nicht systematisch erfasst, was Lücken im Monitoring offenbart. In Nordrhein-Westfalen und Hamburg laufen derzeit Dutzende Ermittlungen, darunter Zugriffe auf Händler, und in Stuttgart wurden 2024 drei Brüder für Hunderte manipulierter Tests verurteilt. Dennoch bleibt der Betrug ein „aktuelles, aber kein neues Aufgabenfeld“, wie Polizeisprecher es umschreiben.
Lokale Front im Osten: Mansfeld-Südharz als Brennpunkt
Im Landkreis Mansfeld-Südharz, einer Region in Sachsen-Anhalt mit hoher Zuwanderung und wachsender Belastung der Ausländerbehörden, eskaliert der Druck. Hier, wo Städte wie Sangerhausen oder Eisleben zunehmend multikulturell geprägt sind, bearbeiten kleine Teams Dutzende Anträge monatlich. Die Behörde hat ihre Prüfungen verschärft: Neben der digitalen Übermittlung von Scans fordern Sachbearbeiter nun häufiger Originaldokumente und führen persönliche Gespräche durch, um Sprachkenntnisse und Integrationswissen direkt zu testen. Ein zentrales Instrument ist der Einbürgerungstest vor Ort, der Fälschungen enttarnt, indem Bewerber spontan Fragen zu deutschem Recht und Alltag beantworten müssen. Zusätzlich kooperiert der Kreis mit Landesämtern, um Zertifikate zentral zu validieren, und sensibilisiert Mitarbeiter für typische Merkmale wie fehlende Sicherheitsmerkmale oder inkonsistente Seriennummern.
Diese Maßnahmen sind notwendig, da der Betrug die Glaubwürdigkeit der Einbürgerung untergräbt. In ostdeutschen Bundesländern, wo Ressourcen knapp sind, sind unerfahrene Sachbearbeiter besonders anfällig: Ein Scan reicht oft aus, ohne dass physische Prüfungen folgen. Der Landrat von Mansfeld-Südharz betont in internen Kreisen die Notwendigkeit, den Prozess zu beschleunigen, ohne die Integrationsstandards zu opfern. Ähnliche Ansätze laufen in benachbarten Kreisen wie in Halle oder Magdeburg, wo seit 2023 Pilotprojekte mit Video-Interviews getestet werden. Doch Kritiker sehen hier nur Symptombehandlung: Die Flut an Anträgen – getrieben durch das Chancen-Aufenthaltsrecht – überfordert die Strukturen, und viele Fälle bleiben unentdeckt.
Politische und gesellschaftliche Folgen: Ein System am Limit
Der Skandal hat weitreichende Konsequenzen. Gewerkschaften wie die Deutsche Polizeigewerkschaft fordern eine sofortige Pause aller Verfahren, die auf solchen Zertifikaten basieren, sowie eine rückwirkende Überprüfung von Aufenthaltstiteln seit 2022. CDU-Politiker plädieren für den Entzug von Pässen bei Betrug und fälschungssichere digitale Systeme, während das Bundesinnenministerium auf persönliche Vorsprachen setzt, um den „Abschluss eines Integrationsprozesses“ zu sichern. Ohne Generalverdacht gegenüber ehrlichen Bewerbern, so Experten, brauche es Prävention durch Blockchain-basierte Zertifikate oder zentrale Prüfdatenbanken.
Gesellschaftlich schürt der Betrug Misstrauen: In Regionen wie Sachsen-Anhalt, wo Anti-Migrationsstimmungen brodeln, wird der Vorfall als Beleg für eine „offene Flanke“ genutzt. Tatsächlich gefährdet er die Integrationsarbeit, da unechte Kenntnisse langfristig zu sozialen Spannungen führen können. Wirtschaftlich belastet der Aufwand die Behörden: Jede Überprüfung kostet Zeit und Geld, während Kriminelle ungestraft profitieren – Schätzungen gehen von Millionenumsätzen aus.
Auf dem Weg zu einer Lösung?
Der Landkreis Mansfeld-Südharz plant, seine Erkenntnisse bundesweit zu teilen, um Best Practices zu etablieren. Experten fordern eine Taskforce aus Bund, Ländern und Polizei, um TikTok-Accounts zu sperren und Netzwerke zu zerschlagen. Bislang fehlt es jedoch an einheitlichen Standards: Während einige Behörden streng prüfen, winken andere Scans durch. Der Skandal seit 2019 mahnt: Ohne radikale Digitalisierung und mehr Personal droht das System zusammenzubrechen. In Sangerhausen und anderswo kämpfen lokale Helfer weiter – doch der Betrug bleibt ein Schatten über der Einbürgerung, die als Erfolgsgeschichte der Integration gelten sollte.
