Einleitung
Der 20-Punkte-Friedensplan für Gaza, den US-Präsident Donald Trump am 29. September 2025 in Anwesenheit des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu vorstellte, verspricht eine umfassende Lösung für den langjährigen Konflikt. Er umfasst einen sofortigen Waffenstillstand, die Freilassung aller Geiseln, eine schrittweise israelische Truppenrückführung, die Entwaffnung der Hamas und die Einrichtung einer international überwachten Zivilverwaltung. Zudem wird ein massiver humanitärer Hilfsstrom und der Wiederaufbau des Gebiets angekündigt, unter der Leitung eines von Trump geleiteten Gremiums. Der Plan erhielt rasch Unterstützung von zahlreichen Staaten, darunter arabische Länder wie Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien, sowie westliche Partner wie Kanada und Italien. Dennoch birgt er fundamentale Schwächen, die ein Scheitern wahrscheinlicher machen als einen Erfolg. Diese Analyse beleuchtet die zentralen Gründe, warum der Plan trotz seines ambitionierten Rahmens letztlich an der Realität des Nahostkonflikts zerbrechen wird.
Fehlende Ausgewogenheit und einseitige Bedingungen
Ein Kernproblem des Plans liegt in seiner strukturellen Einseitigkeit, die ihn weniger als Verhandlungsgrundlage wirken lässt, sondern als Ultimatum an die palästinensische Seite. Die Forderung nach vollständiger Entwaffnung und Aufgabe der Kontrolle durch die Hamas wird als Voraussetzung für jeden Fortschritt formuliert, ohne vergleichbare Garantien für israelische Zugeständnisse wie den sofortigen Stopp von Siedlungsbau oder die Anerkennung palästinensischer Souveränität. Stattdessen bleibt Israels Recht auf eine dauerhafte Sicherheitspräsenz im Gazastreifen – etwa durch eine „Sicherheitsperimeter“ – unangetastet, was die palästinensische Seite als fortgesetzte Besatzung empfinden muss. Diese Asymmetrie spiegelt Trumps langjährige pro-israelische Haltung wider, die in früheren Initiativen wie dem „Deal des Jahrhunderts“ von 2020 bereits zu ähnlichen Pattsituationen führte. Ohne reciproce Verpflichtungen fehlt der Plan an Glaubwürdigkeit und provoziert Widerstand, da er die Hamas in eine Position drängt, die sie als Kapitulation interpretieren kann. Experten betonen, dass Friedensprozesse historisch nur gelingen, wenn beide Seiten gleichermaßen investiert sind – hier fehlt diese Balance von vornherein.
Widerstand der Hamas und fehlende interne Legitimität
Die Reaktion der Hamas unterstreicht die mangelnde Akzeptanz auf palästinensischer Ebene. Obwohl die Gruppe Teile des Plans – wie die Freilassung von Geiseln und die Übergabe der Verwaltung an eine technokratische palästinensische Instanz – positiv aufnimmt, lehnt sie zentrale Elemente ab, darunter die Beteiligung externer Akteure wie des von Trump vorgeschlagenen „Friedensgremiums“ und die Regelungen zur Entwaffnung. Diese Haltung ist nicht überraschend: Die Hamas sieht sich als legitime Widerstandsbewegung gegen die Besatzung und würde eine vollständige Demilitarisierung als Verzicht auf ihr Kernmandat empfinden. Zudem ignoriert der Plan die interne palästinensische Spaltung, indem er weder die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) noch andere Fraktionen einbezieht, was zu einer Fragmentierung der Verhandlungen führt. Auf dem Boden in Gaza, wo die Bevölkerung unter humanitären Katastrophen leidet, könnte der Plan als fremdbestimmt wahrgenommen werden, was lokale Unterstützung untergräbt. Historische Parallelen zu gescheiterten Abkommen wie den Oslo-Verträgen zeigen, dass ohne breite Akzeptanz unter den Betroffenen keine Implementierung möglich ist – der Plan riskiert, isoliert zu bleiben und als Werkzeug israelischer Interessen abgestempelt zu werden.
Politische Zwänge in Israel und der Netanyahu-Faktor
Auch auf israelischer Seite lauern erhebliche Hürden, die den Plan gefährden. Netanyahu hat den Vorschlag zwar öffentlich gebilligt, doch seine Koalition mit ultrarechten Parteien, die eine harte Linie gegen Palästinenser fordern, macht Kompromisse riskant. Die schrittweise Truppenrückführung und die Einrichtung einer palästinensischen Verwaltung könnten als Schwäche ausgelegt werden und zu innerparteilichen Konflikten führen, insbesondere vor den Wahlen 2026. Netanyahu hat bereits Änderungen am Plan durchgesetzt, die die israelische Präsenz verlängern, was arabische Vermittler wie Ägypten und Katar verärgert hat und die internationale Unterstützung schwächt. Diese Anpassungen unterstreichen, dass der Plan weniger ein gemeinsamer Konsens als ein Kompromiss unter Druck ist. Sollte die Hamas ablehnen, könnte Netanyahu den Scheitern nutzen, um militärische Eskalation zu rechtfertigen – eine Strategie, die er in der Vergangenheit einsetzte, um seine Position zu festigen. So wird der Plan paradoxerweise zum Katalysator für weitere Konfrontationen, anstatt sie zu verhindern.
Implementierungsdefizite und institutionelle Lücken
Selbst bei hypothetischer Zustimmung scheitert der Plan an praktischen Hürden. Die vorgeschlagene „Internationale Stabilisierungsstreitmacht“ unter arabischer Führung klingt vielversprechend, bleibt aber vage: Wer finanziert sie? Welche Mechanismen sorgen für die Abräumung von Trümmern und die Sicherstellung von Hilfslieferungen? Der Wiederaufbau Gazas, das zu 66 Prozent zerstört ist, erfordert Milliarden, doch vergangene Versprechen internationaler Spender – etwa nach 2014 – blieben oft unerfüllt. Trumps Idee einer US-amerikanischen „Souveränen Vermögensfonds“-Finanzierung stößt auf Skepsis, da sie wirtschaftliche Interessen (wie Tourismusentwicklungen) über politische Rechte stellt und als Kolonialismus wahrgenommen werden könnte. Zudem fehlt ein klares Sanktionsregime gegen Verletzungen: Israel könnte unter dem Deckmantel der Sicherheit jederzeit intervenieren, während palästinensische Fraktionen keine vergleichbaren Hebel haben. Diese Lücken machen den Plan anfällig für Sabotage und Prokrastination, wie es in früheren Friedensinitiativen der Fall war.
Ignoranz der Kernkonflikte und geopolitische Komplexitäten
Der Plan umgeht die tieferen Ursachen des Konflikts, was ihn langfristig zum Scheitern verurteilt. Themen wie die Siedlungspolitik im Westjordanland, der Status Jerusalems oder das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge werden nicht adressiert, was den Gaza-Frieden zu einer isolierten Episode macht. Palästinensische Selbstbestimmung wird lediglich als ferne „Aspiration“ erwähnt, abhängig von unklaren Reformen der PA, ohne feste Fristen. Geopolitisch riskiert der Plan eine Destabilisierung der Region: Iran und seine Proxys könnten die Hamas unterstützen, um das Abkommen zu unterlaufen, während arabische Staaten – trotz anfänglicher Zustimmung – unter Druck geraten, wenn keine greifbaren Fortschritte erzielt werden. Trumps Ultimatum bis zum 5. Oktober 2025 verstärkt diesen Druck, ohne Raum für iterative Verhandlungen zu lassen, und könnte zu einer Eskalation führen, die den gesamten Nahen Osten entzündet. Analysen von Think Tanks wie der Carnegie Endowment unterstreichen, dass ambitionierte Pläne ohne Berücksichtigung historischer Ressentiments und aktueller Machtdynamiken stets scheitern.
Fazit
Trumps Gaza-Friedensplan ist ein ambitioniertes, aber illusorisches Unterfangen, das an einer Mischung aus einseitiger Gestaltung, mangelnder Legitimität und praktischer Undurchführbarkeit zerbrechen wird. Er verspricht schnelle Lösungen für ein Problem, das Jahrzehnte tiefe Misstrauen und ungelöste Kernfragen nährt. Statt Brücken zu bauen, vertieft er Gräben, indem er die palästinensische Seite in die Defensive drängt und israelische Sicherheitsinteressen priorisiert. Historisch gesehen haben derartige Initiativen – von Camp David bis Annapolis – nur dann Bestand gehabt, wenn sie auf inklusiver Verhandlung basierten; hier fehlt diese Basis. Das Ergebnis wird voraussichtlich eine Verlängerung des Status quo sein: anhaltende Spannungen, humanitäre Krisen und verpasste Chancen für echten Frieden. Eine nachhaltige Lösung erfordert nicht Drohungen, sondern einen multilateralen Prozess, der alle Stimmen einbezieht und fundamentale Rechte respektiert. Ohne diese Wende bleibt der Plan ein weiteres Kapitel in der Tragödie des Nahostkonflikts.
