US-Forscherin wechselt nach Deutschland: Erste Anzeichen für Brain Drain unter Trumps Wissenschaftspolitik

Durch | 29. Oktober 2025

Eine Politikwissenschaftlerin aus den Vereinigten Staaten hat im Oktober 2025 ihren Arbeitsplatz an der University of Georgia aufgegeben und ist für zwei Jahre an die Universität Mannheim gewechselt. Sie nutzt ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung, um am Lehrstuhl für internationale Beziehungen zu Menschenrechten, politischer Gewalt und dem Recht auf Privatsphäre zu forschen. Dieser Wechsel markiert einen individuellen Karriereschritt, spiegelt jedoch ein breiteres Phänomen wider: den aufkeimenden Brain Drain aus den USA infolge der Wissenschaftspolitik der Trump-Administration. Seit dem Amtsantritt im Januar 2025 haben Budgetkürzungen, Förderstreichungen und restriktive Einwanderungsregeln Tausende Forscher veranlasst, das Land zu verlassen oder eine Auswanderung in Erwägung zu ziehen. Dies bedroht die führende Rolle der USA in Innovation und Forschung.

Die Stipendiatin konzentriert sich auf den Einsatz von Technologie zur Verletzung von Rechten, ein Thema, das in der US-Politik zunehmend kontrovers ist. Ihr Projekt zielt darauf ab, staatliche Verletzungen des Rechts auf Privatsphäre weltweit zu dokumentieren und deren Beitrag zu breiteren Gewaltkampagnen zu analysieren. Der Wechsel nach Deutschland erfolgt im Rahmen des Henriette Herz-Scouting-Programms, das internationale Talente an deutsche Universitäten bindet. Das Programm wählt jährlich rund 40 etablierte Forscher als Scouts aus, die bis zu drei Kandidaten nominieren können. Ziel ist es, Diversität zu fördern und unterrepräsentierte Gruppen einzubinden. In diesem Fall ermöglicht es einer US-Wissenschaftlerin, in einem stabilen Umfeld zu arbeiten, fernab der Unsicherheiten in ihrem Heimatland.

Meredith LaVelle | Quelle Joseline Weinberg | Copyright Joseline Weinberg
Meredith LaVelle | Quelle Joseline Weinberg | Copyright Joseline Weinberg 

Diese persönliche Entscheidung ist kein Einzelfall. Eine Umfrage unter mehr als 1200 US-Forschern, durchgeführt im März 2025, ergab, dass 75 Prozent eine Auswanderung in Betracht ziehen. Die Gründe liegen in den massiven Kürzungen bei Bundesbehörden wie den National Institutes of Health, der National Science Foundation und der Environmental Protection Agency. Die Trump-Administration hat in den ersten Monaten Hunderte von Förderungen gestrichen, darunter Projekte im Wert von Milliarden Dollar. Allein beim National Institutes of Health droht eine Reduzierung des Budgets um 40 Prozent im Haushaltsjahr 2026. Solche Maßnahmen betreffen nicht nur etablierte Wissenschaftler, sondern vor allem Postdoktoranden und Nachwuchsforscher, die auf stabile Finanzierung angewiesen sind.

Die Politik der Administration zielt auf eine Reduzierung von Ausgaben ab, die als verschwenderisch eingestuft werden. Betroffen sind Bereiche wie Klimaforschung, globale Gesundheit, Geschlechterstudien und Diversitätsinitiativen. Behörden mussten Begriffe wie Diversität oder Klimawandel von ihren Webseiten entfernen, um ideologische Konformität zu wahren. Dies hat zu einer Atmosphäre der Unsicherheit geführt, in der Forscher befürchten, dass ihre Arbeit politisch motiviert behindert wird. In einer Befragung unter Postdoktoranden Ende der ersten sechs Wochen der Amtszeit gaben 43 Prozent an, ihre Position sei bedroht, und 35 Prozent berichteten von Verzögerungen in ihren Projekten. Viele sehen keine Alternative zum Verlassen des Landes, was zu einem Verlust an Expertise führt, den Experten als den größten Brain Drain seit dem Zweiten Weltkrieg beschreiben – nur in umgekehrter Richtung.

Die Auswirkungen sind bereits spürbar. Zahlreiche Wissenschaftler haben ihre Positionen an renommierten Institutionen wie Harvard, Yale oder dem Massachusetts Institute of Technology aufgegeben. Ein theoretischer Chemiker verließ Harvard während der ersten Amtszeit Trumps und rät nun Kollegen, ähnliche Schritte zu unternehmen. Eine Neurobiologin aus Brasilien, die in Kalifornien forschte, plant die Rückkehr nach Hause oder einen Wechsel nach Europa, da ihre Förderung gekürzt wurde. Ein Philosoph und Faschismus-Experte hat Yale verlassen und ist an die University of Toronto gewechselt. Solche Fälle häufen sich, insbesondere unter ausländischen Forschern, die 80 Prozent der US-Wissenschaftler in bestimmten Feldern ausmachen.

Besonders betroffen sind Forscher chinesischer Herkunft. Die Administration hat Einwanderungsregeln verschärft, was zu Ängsten vor Deportationen führt. China nutzt dies aus und rekrutiert aktiv US-ausgebildete Wissenschaftler mit attraktiven Angeboten. Universitäten wie Tsinghua und Peking rangieren mittlerweile unter den Top 15 weltweit und übertreffen in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz die USA. Dies kehrt den traditionellen Brain Gain um, den die USA seit dem Zweiten Weltkrieg genossen haben, als europäische Wissenschaftler vor Krieg und Verfolgung flohen.

Europa und Kanada profitieren von diesem Trend. Frankreich bietet Wissenschaftlern Asyl an, Kanada vereinfacht Visa für Hochqualifizierte, und Deutschland erweitert Programme wie das der Humboldt-Stiftung. Australien plant Fast-Track-Visas für Spitzenforscher. In einer Umfrage nannten viele US-Forscher Kanada und Europa als bevorzugte Ziele aufgrund stabiler Finanzierung und weniger politischer Einmischung. Die Europäische Union sieht hier eine Chance für einen Brain Gain, der die eigene Innovationskraft stärkt.

Die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Konsequenzen für die USA sind gravierend. Die Wissenschaft treibt Innovationen in Industrie und Militär voran. Kürzungen bei Agenturen wie der National Science Foundation, die 9 Milliarden Dollar jährlich vergibt, haben zu Kündigungen von über 2000 Zuschüssen geführt. Dies behindert Fortschritte in Bereichen wie Quantencomputing, Biotechnologie und Klimaschutz. Experten warnen, dass der Verlust von Talenten die technologische Vormachtstellung der USA untergräbt und Abhängigkeiten von ausländischer Innovation schafft. Nationale Sicherheit leidet, da Forschung zu Verteidigungstechnologien eingeschränkt wird.

Historisch gesehen hat die USA von Zuwanderung profitiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen Tausende Wissenschaftler ein, was zu Durchbrüchen in Atomphysik, Raumfahrt und Informatik führte. Heutige Politiken kehren dies um. In den ersten 100 Tagen der Amtszeit hat die Administration Einwanderung restriktiv umgestaltet, mit Massendeportationen und Schwerpunkt auf Arbeitsplätzen. Dies betrifft auch Wissenschaftler, deren Visa verlängert oder erneuert werden müssen. Eine russische Forscherin, die vor dem Krieg floh, wurde inhaftiert und droht Deportation.

Die Administration argumentiert mit Kosteneinsparungen und Priorisierung nationaler Interessen. Kürzungen sollen Verschwendung bekämpfen, doch Kritiker sehen darin einen Angriff auf unabhängige Forschung. Über 1900 Wissenschaftler haben in einem offenen Brief protestiert und von einer Zerstörung der US-Wissenschaft gesprochen. Die Kürzungen bei der Environmental Protection Agency umfassen 20 Milliarden Dollar für Klimaprojekte. Dies trifft Forscher in Umweltwissenschaften besonders hart.

In Deutschland und Europa wächst das Bewusstsein für diese Entwicklung. Programme wie das Henriette Herz-Scouting bieten Alternativen. Die Stipendiatin in Mannheim hebt die Möglichkeit hervor, in einem Umfeld zu arbeiten, das Forschung frei von politischem Druck ermöglicht. Ähnliche Initiativen in Frankreich und Kanada ziehen Hunderte US-Forscher an. Eine Neurobiologin teilte öffentlich ihre Gründe für den Weggang: Unsicherheit über Förderungen und politische Einflussnahme.

Langfristig könnte dieser Brain Drain die globale Wissenschaftslandschaft verändern. China und Europa stärken ihre Positionen, während die USA an Boden verlieren. Eine Umfrage unter 1600 Forschern zeigte, dass über 75 Prozent durch die Veränderungen betroffen sind. Dies umfasst nicht nur Abwanderung, sondern auch den Verzicht auf Karrieren in der Wissenschaft. Junge Talente wenden sich ab, was den Nachwuchs schrumpfen lässt.

Die Administration plant weitere Kürzungen, darunter bei der National Oceanic and Atmospheric Administration, wo Forschung zu Ozeanen und Atmosphäre um 60 Prozent reduziert werden soll. Dies betrifft Katastrophenvorhersage und Klimamodellierung. Forscher warnen vor einem Dominoeffekt: Weniger Innovationen schwächen Wirtschaft und Verteidigung.

Insgesamt zeichnet sich ein Muster ab, das an die erste Amtszeit Trumps anknüpft, aber intensiver wirkt. Damals führten Einreiseverbote und Kürzungen zu ersten Abwanderungen. Nun, mit erneuter Macht, eskaliert die Politik. Die Stipendiatin in Mannheim symbolisiert diesen Trend: Von den USA nach Europa, auf der Suche nach Stabilität. Ohne Kurskorrektur droht den USA ein Verlust, der Jahrzehnte braucht, um behoben zu werden.

Mehr dazu:

Henriette Herz-Scouting-Programm – Alexander von Humboldt-Stiftung

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