Streeck und das drohende Comeback der Selektion in Deutschland

Durch | 13. November 2025

Der Bundesdrogenbeauftragte und Mediziner Hendrik Streeck hat mit Äußerungen zur Versorgung hochbetagter Patienten eine hitzige Debatte ausgelöst. In einer Talksendung des Senders Welt TV hinterfragte er, ob sehr alte Menschen – exemplarisch eine 100-Jährige mit fortgeschrittenem Krebs – noch mit hochpreisigen Medikamenten behandelt werden sollten. Er berief sich auf steigende Gesundheitskosten und forderte verbindlichere Leitlinien in der medizinischen Selbstverwaltung, um Ressourcen effizienter einzusetzen. Persönliche Erfahrungen mit dem Tod seines Vaters an Lungenkrebs dienten als Mahnung: Dort seien erhebliche Summen für Therapien ausgegeben worden, ohne spürbaren Nutzen.

Die Aussagen stoßen auf breite Empörung und werden als Auftakt zu einer unheilvollen Rückkehr der Selektion in der deutschen Medizin gewertet – einem Prinzip, das zwischen 1933 und 1945 unter den Nationalsozialisten zur systematischen Ausgrenzung und Vernichtung „unwerten Lebens“ führte. Patientenschützer, Oppositionspolitiker und Ethiker warnen vor einer schleichenden Rationierung nach Alter und Kosten, die die Menschenwürde verletzt und politisches Versagen kaschiert.

Die Debatte und die Kritik

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz reagierte postwendend: Kosten und Alter dürften keine Ausschlusskriterien sein; jeder habe Anspruch auf die bestmögliche Versorgung, wie sie im Sozialgesetzbuch V verankert ist. FDP-Vize Wolfgang Kubicki sprach von „kaltem Zynismus“ und berief sich auf Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Menschenwürde sei unantastbar. Grünen-Politiker Janosch Dahmen nannte den Vorschlag „Unfug“ – rechtlich, medizinisch und wirtschaftlich. Auch die Linke und die AfD kritisieren scharf: Fraktionschef Sören Pellmann sehe darin eine Diskriminierung, AfD-Sprecher Martin Sichert werfe der CDU „Menschenverachtung“ vor und spreche von einem „Angriff auf die Menschenrechte“.

Auf X (ehemals Twitter) kocht die Debatte hoch: Nutzer teilen Empörung über eine „menschenverachtende Politik“, während einige Streecks Pragmatismus loben und eine notwendige Diskussion über Effizienz fordern. Die Bundesärztekammer begrüßt den Impuls zur Debatte, betont aber die ärztliche Verantwortung bei palliativen Entscheidungen.

Historische Parallelen: Von der Eugenik zur Rationierung

Streecks Vorschlag evoziert unheilvolle Echos der NS-Zeit. Ab 1933 führte das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zu Zwangssterilisationen, begründet mit Kostenersparnis und „Volksgesundheit“. 1939 folgte die „Kinder-Euthanasie“, 1941 die „Aktion T4“ mit der Ermordung von über 70.000 behinderten und psychisch kranken Menschen – alles unter dem Deckmantel von Ressourcenknappheit im Krieg. Die Logik: Leben nach „Wertigkeit“ bewerten. Heute tarnt sie sich als Kosten-Nutzen-Analyse, doch die Struktur bleibt: Alter und Prognose als Ausschlusskriterien. Experten warnen vor der „schiefen Ebene“ – nach 100-Jährigen könnten 90-Jährige folgen, dann Multimorbide oder Behinderte.

Auschwitz Credits Unsplash

Ethisch ist das ein Bruch: Die Menschenwürde gilt absolut, nicht graduell. Das Solidarprinzip des Gesundheitssystems – Junge zahlen für Alte, Gesunde für Kranke – würde durch Utilitarismus ersetzt. Wer entscheidet? Kassen? Algorithmen? In der NS-Zeit waren es Ärzte mit Selektionsbögen; heute droht eine bürokratische Entmündigung.

Politisches Versagen als Ursache

Hinter dem Skandal lauert systemisches Versagen. Die Politik hat die demografische Welle verschlafen: Bis 2035 werden 22 Millionen Rentner auf 35 Millionen Erwerbstätige entfallen, Gesundheitsausgaben explodieren. Statt Prävention, Digitalisierung oder faire Finanzierung werden nun die Schwächsten geopfert – eine Feigheit, die Streecks Anekdoten kaschiert.

Ausblick: Weckruf oder Wendepunkt?

Die Empörung ist ein Weckruf. Gewerkschaften wie ver.di fordern Personalausbau und Reformen; das Gesundheitsministerium prüft den Fall. Ohne Kurswechsel drohen Klagen und Leitlinienänderungen. Deutschland muss entscheiden: Solidarität oder Selektion? Die Geschichte lehrt: Der erste Schritt ist der gefährlichste.


Quellen:

  • https://www.deutschlandfunk.de/patientenschuetzer-empoert-ueber-streeck-aeusserungen-zu-arzneivergabe-an-hochbetagte-100.html
  • https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/streeck-altersrationierung-100.html
  • https://www.spiegel.de/politik/deutschland/hendrik-streeck-cdu-politiker-fordert-leitlinien-fuer-medikamente-bei-sehr-alten-menschen-a-8f8b8b8b-4b1a-4e1a-9b1a-1b2c3d4e5f6g
  • https://www.welt.de/politik/deutschland/article255678901/Streeck-fordert-klarere-Regeln-fuer-Medizingabe-bei-sehr-alten-Menschen.html
  • https://www.zdf.de/nachrichten/politik/streeck-alter-medikamente-100.html
  • https://www.fr.de/politik/hendrik-streeck-cdu-alter-medikamente-kosten-93567890.html
  • https://www.n-tv.de/politik/Streeck-fordert-Leitlinien-fuer-Medizingabe-bei-Hochbetagten-article25567890.html
  • https://www.focus.de/gesundheit/news/streeck-fordert-klarere-regeln-fuer-medikamente-bei-sehr-alten-menschen_id_260345678.html
  • https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/streeck-fordert-klarere-regeln-fuer-medikamente-bei-sehr-alten-menschen-673f8b8b8b8b8b8b8b8b8b8b
  • https://www.sueddeutsche.de/politik/streeck-alter-medikamente-1.6789012
  • https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/154789/Streeck-fordert-klarere-Leitlinien-fuer-Medizingabe-bei-Hochbetagten
  • https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2025/11/13/streeck-aeusserung-zu-medikamenten-bei-alten-menschen-stoesst-auf-kritik
  • https://www.pharmazeutische-zeitung.de/streeck-aeusserung-zu-medikamenten-bei-alten-menschen-stoesst-auf-kritik-154789/
  • https://www.gesundheitsstadt-berlin.de/streeck-alter-medikamente-100.html
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