Die Kultur- und Kunstlandschaft der USA steht unter Präsident Donald Trump seit Jahren unter erheblichem politischen Druck, ohne dass sie ihre Vielfalt und Innovationskraft völlig verloren hätte.[1][2] Förderpolitik, Kulturaußenbeziehungen und Symbolpolitik der Regierung haben den Rahmen für Kunstproduktion und kulturelle Debatten deutlich verschoben und die ohnehin vorhandenen „Culture Wars“ weiter verschärft.[3][4]
Kulturpolitik und staatliche Förderung
Die Kulturpolitik auf Bundesebene konzentriert sich in den USA traditionell auf wenige zentrale Institutionen wie die National Endowment for the Arts (NEA), die National Endowment for the Humanities (NEH) und das Institute of Museum and Library Services (IMLS).[5] Unter Trump geraten diese Einrichtungen zunehmend unter Legitimations- und Spardruck, obwohl das Gesamtvolumen ihrer Budgets im Vergleich zu anderen Etats gering bleibt.[6]
- Bereits in Trumps erster Amtszeit ab 2017 legte das Weiße Haus wiederholt Haushaltsentwürfe vor, die die vollständige Streichung der NEA- und NEH-Mittel vorsahen, was in der amerikanischen Geschichte einen Tabubruch darstellte.[6][5]
- Der Kongress blockierte diese Pläne parteiübergreifend, sodass die Budgets der Einrichtungen damals nicht nur erhalten, sondern teilweise moderat erhöht wurden, was auf eine anhaltende politische Unterstützung jenseits des Weißen Hauses hinweist.[5][7]
Mit Trumps Rückkehr ins Amt und seinen erneuten Versuchen, die Kulturförderung enger an ideologische Prioritäten zu koppeln, spitzt sich der Konflikt zu.[1][2] Der Spielraum der Förderinstitutionen wird zunehmend durch strategische Vorgaben aus dem Weißen Haus eingeschränkt, während Kongress und Gerichte als Korrektiv agieren.[5][7]
Kürzungen, Umsteuerung und ihre Folgen
Die praktische Umsetzung der kulturpolitischen Linie zeigt sich vor allem in massiven Eingriffen in die Förderpraxis von NEA, NEH und IMLS.[8][2] Neben direkten Budgetkürzungen spielen kurzfristige Streichungen bereits bewilligter Mittel und die Verschiebung von Prioritäten eine zentrale Rolle.[8][5]
- In mehreren Wellen ab 2025 informierte die NEA Kulturorganisationen per E-Mail, dass laufende oder bewilligte Projekte ausgesetzt oder gestrichen würden, weil sie nicht mehr den neu definierten politischen Prioritäten entsprächen.[8][2]
- Betroffen sind laut Berichten insbesondere Programme mit Schwerpunkten auf Diversität, Unterstützung „unterversorgter“ Communities, Einwandererprojekten oder LGBTQ+-Themen, die nicht mehr als förderwürdig gelten.[8][2]
Für Kultureinrichtungen bedeutet dieser Kurs strukturelle Unsicherheit: Budgets müssen kurzfristig umgeplant, Personal reduziert und Programme gekürzt oder eingestellt werden.[8] Gerade kleinere Häuser in Regionen außerhalb der großen Metropolen sind auf Bundesmittel angewiesen und geraten durch die Abhängigkeit von wenigen Förderströmen in eine fragile Lage.[7]
Ideologische Vorgaben und Kulturkampf
Trumps Kulturpolitik ist eng mit einer breiten ideologischen Auseinandersetzung verknüpft, die in den USA als „Culture War“ beschrieben wird.[3] Kulturinstitutionen werden zu Schauplätzen eines Konflikts, der sich um Fragen von Geschichtsbildern, Identität, Rassismus und Geschlechterrollen dreht.[4][3]
- Politikwissenschaftliche Analysen verorten Trump als zentralen Akteur, der den permanenten Kulturkampf offensiv nutzt, um politische Loyalitäten zu mobilisieren und Konfliktlinien zu vertiefen.[3][9]
- In diesem Kontext geraten Inhalte, die sich mit strukturellem Rassismus, kolonialer Vergangenheit oder der Geschichte marginalisierter Gruppen auseinandersetzen, besonders stark in die Kritik konservativer Akteure und Regierungsstellen.[4][2]
Die Kritik richtet sich nicht nur gegen einzelne Werke, sondern gegen institutionelle Strategien wie Diversity-, Equity- und Inclusion-Programme.[1][2] Förderkriterien werden so gestaltet, dass Projekte, die offen progressive oder identitätspolitische Ansätze verfolgen, es schwerer haben, öffentliche Mittel zu erhalten.[8][2]
Angriffe auf Diversität und „Wokeness“
Der Kampfbegriff „woke“ spielt in der kulturpolitischen Rhetorik eine zentrale Rolle und dient dazu, liberale oder progressive Kulturprogramme zu delegitimieren.[8][1] Museen, Universitäten und Kulturfonds geraten unter Druck, wenn sie explizit Diversität, rassismuskritische Bildungsarbeit oder LGBTQ+-Themen fördern.[4][2]
- Exekutivverordnungen und Verwaltungsvorgaben kritisieren explizit Programme, die sich mit strukturellem Rassismus, Geschlechtergerechtigkeit oder Queer-Identitäten befassen, und verlangen eine Neuausrichtung auf „patriotische“ Themen.[8][1]
- Berichte aus dem Museums- und Kulturbereich dokumentieren Fälle, in denen Projekte oder Ausstellungen über afroamerikanische Geschichte, indigene Perspektiven oder queere Kunst ihre Finanzierung verloren oder ihre inhaltliche Ausrichtung anpassen mussten.[8][2]
Diese Entwicklung verstärkt einen Abschreckungseffekt: Einrichtungen und Kuratorinnen planen defensiver, um Konflikte mit Fördergebern oder politischen Entscheidungsträgern zu vermeiden.[4][2] Gleichzeitig formieren sich Netzwerke von Künstlern und Aktivisten, die alternative Finanzierungs- und Präsentationsformen entwickeln, um unabhängig von staatlicher Anerkennung zu arbeiten.[4][2]
Zensurdebatten und literarische Verbote
Parallel zur kulturpolitischen Linie auf Bundesebene kommt es in den Bundesstaaten zu einer deutlichen Zunahme von Zensur- und Verbotsinitiativen, insbesondere im Bildungs- und Bibliotheksbereich.[4] Studien verweisen auf eine neue Welle literarischer Zensur, die stark ideologisch aufgeladen ist und über klassische Jugendschutzargumente hinausgeht.[4]
- Konservative Kampagnen richten sich gegen Bücher mit LGBTQ+-Themen, Darstellungen von Rassismus oder kritische Auseinandersetzungen mit amerikanischer Geschichte, die unter Schlagworte wie „Critical Race Theory“ subsumiert werden.[4]
- Lokale Schul- und Bibliotheksgremien sehen sich zunehmendem politischen Druck und Online-Mobilisierung ausgesetzt, was zu schnellen Entscheidungen über das Entfernen von Titeln aus Regalen, Lektürekatalogen oder Schulcurricula führt.[4]
Diese Dynamik erzeugt eine Atmosphäre der Verunsicherung für Autorinnen, Verlage und Lehrkräfte, die mit Sanktionen, öffentlichen Kampagnen oder beruflichen Konsequenzen rechnen müssen.[4] Die Grenzen zwischen klassischer staatlicher Zensur und gesellschaftlich-politischem Druck verwischen dabei, wobei die bundespolitische Kulturkampfrhetorik als wichtiger Verstärker fungiert.[3][9]

Internationale Kulturbeziehungen und Rückzug
Auch auf internationaler Ebene verändert die US-Regierung unter Trump den Rahmen kultureller Zusammenarbeit deutlich.[10][11] Der Rückzug aus multilateralen Institutionen und Programmen, die kulturelle Rechte und Welterbe schützen, sendet ein Signal der Distanz gegenüber globalen Kulturstrukturen.[12][13]
- Die USA beenden die Mitarbeit und Finanzierungsbeiträge in einer Reihe von UN-nahen Einrichtungen und Kulturprogrammen, die etwa kulturelles Erbe, Künstlerrechte oder Medienfreiheit stärken.[10][11][14]
- Offizielle Begründungen verweisen auf vermeintliche Ineffizienz und nationale Souveränität, während Kulturorganisationen vor einer Schwächung internationaler Schutzmechanismen für Kulturgüter und künstlerische Freiheit warnen.[10][13]
Für amerikanische Kulturinstitutionen erschwert dieser Kurs langfristige Kooperationen, gemeinsame Ausstellungen oder Forschungsprojekte mit Partnern im Ausland.[10][11] Zugleich entsteht eine Lücke, die andere Staaten und Akteure im globalen Kulturfeld nutzen können, um eigene kulturpolitische Einflusszonen auszubauen.[10][14]
Kulturelle Institutionen zwischen Anpassung und Widerstand
In der Praxis reagieren Museen, Theater, Festivals und Kultureinrichtungen nicht einheitlich auf die politischen Rahmenbedingungen.[8][2] Viele Häuser versuchen, ihre Programme formal an neue Vorgaben anzupassen, ohne ihre inhaltlichen Ziele vollständig aufzugeben.[2][7]
- Strategien reichen von der Umformulierung von Projektanträgen über die Verlagerung besonders kontroverser Inhalte in Begleitprogramme bis hin zur verstärkten Suche nach privaten oder philanthropischen Geldgebern.[8][2]
- Gleichzeitig entstehen öffentlichkeitswirksame Protestformen, etwa Absagen von Auftritten in staatlich dominierten Kulturinstitutionen, Solidaritätsaktionen für betroffene Projekte oder die Gründung eigenständiger Plattformen für gefährdete künstlerische Positionen.[1][2]
Diese ambivalente Lage führt zu einer Polarisierung innerhalb der Kulturszene selbst, etwa zwischen Institutionen mit enger Regierungsnähe und solchen, die bewusst Distanz wahren.[3][9] Unterschiede zwischen urbanen Zentren mit dichten zivilgesellschaftlichen Strukturen und ländlichen Regionen, in denen Einrichtungen stärker von staatlicher Förderung abhängig sind, treten deutlicher hervor.[8][7]
Auswirkungen auf künstlerische Freiheit
Die Summe aus finanziellen Eingriffen, ideologischen Vorgaben und politischer Rhetorik erzeugt ein Klima, das die reale und gefühlte Freiheit künstlerischer Arbeit beeinflusst.[1][4] Formale Zensur im Sinne eines flächendeckenden gesetzlichen Verbots bleibt zwar die Ausnahme, doch informelle Beschränkungen nehmen zu.[4][2]
- Künstlerinnen und Kuratoren kalkulieren stärker, welche Themen politische Kontroversen auslösen könnten und wie sich dies auf Förderchancen oder institutionelle Kooperationen auswirkt.[4][2]
- Sensible Themenbereiche – von Polizei- und Grenzgewalt über Transrechte bis hin zu Kolonialgeschichte – werden nicht zwangsläufig verstummt, sind aber häufiger von Konflikten, Anfeindungen und ökonomischen Risiken begleitet.[4][3]
Gleichzeitig entstehen Räume, in denen Widerstand und Kritik gerade durch politischen Druck an Energie gewinnen.[4][2] Viele Kunstprojekte setzen sich explizit mit Überwachung, Autoritarismus und Demokratiekrise auseinander und reflektieren damit die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.[1][2]
Kontinuitäten und Brüche in der US-Kultur
Trotz der zugespitzten Lage lassen sich auch Elemente der Kontinuität erkennen, die zeigen, dass die amerikanische Kulturlandschaft nicht allein durch die Exekutive definiert wird.[5][7] Der föderale Aufbau der USA, die starke Rolle privater Stiftungen und ein ausgeprägter zivilgesellschaftlicher Sektor setzen dem Einfluss des Weißen Hauses Grenzen.[7][9]
- Der Kongress hat wiederholt gezeigt, dass er kulturpolitische Radikalkuren blockieren kann, etwa wenn es um die vollständige Abschaffung der nationalen Kulturförderung geht.[5][7]
- Viele Kultureinrichtungen verfügen über alternative Finanzierungsquellen, internationale Netzwerke und lokale Verankerung, die es ihnen ermöglichen, zumindest Teile ihrer Programmatik unabhängig von kurzfristigen politischen Konjunkturen fortzusetzen.[8][7]
Gleichwohl stellt die Trump-Ära eine Phase dar, in der Kulturpolitik nicht als Randthema, sondern als zentraler Schauplatz ideologischer Auseinandersetzungen fungiert.[3][9] Die langfristigen Folgen für institutionelle Strukturen, künstlerische Karrieren und das internationale Ansehen der US-Kultur werden sich erst in den kommenden Jahren vollständig abzeichnen.[10][11]
Quellen:
[1] What the Arts Endured During Donald Trump’s First 100 Days https://news.artnet.com/art-world/trump-executive-orders-arts-2605142
[2] How Trump Impacted Arts and Culture in 2025 – Hyperallergic https://hyperallergic.com/how-trump-impacted-arts-and-culture-in-2025/
[3] Culture war https://en.wikipedia.org/wiki/Culture_war
[4] The polarization of literary censorship in the U.S – PMC https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12456764/
[5] Congress Moves to Protect NEA and NEH Funding | Artnet News https://news.artnet.com/art-world/congress-funding-bill-nea-neh-2735600
[6] Trump to Eliminate the NEA | Arts ActionFund https://www.artsactionfund.org/trump-eliminate-nea
[7] Welcome news: U.S. House approves future NEA, NEH funding https://www.orartswatch.org/welcome-news-u-s-house-approves-future-nea-neh-funding/
[8] Trump’s Impact on the Arts: A Running List of Updates https://www.pittsburghartscouncil.org/blog/trumps-impact-arts-running-list-updates
[9] The Politics of the Culture Wars in Contemporary America https://manhattan.institute/article/the-politics-of-the-culture-wars-in-contemporary-america
[10] U.S. Withdrawal From International Cultural Organizations … https://news.artnet.com/art-world/us-withdrawal-un-cultural-organizations-alarm-2736000
[11] Trump Withdraws From Major Culture Preservation Groups https://hyperallergic.com/trump-withdraws-from-major-culture-preservation-groups/
[12] Withdrawing the United States from International … https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2026/01/withdrawing-the-united-states-from-international-organizations-conventions-and-treaties-that-are-contrary-to-the-interests-of-the-united-states/
[13] Withdrawal from Wasteful, Ineffective, or Harmful … https://www.state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2026/01/withdrawal-from-wasteful-ineffective-or-harmful-international-organizations
[14] Trump withdraws US from key climate treaty and dozens of … https://www.bbc.com/news/articles/cp80ln97py5o
[15] President’s Committee on the Arts and Humanities https://en.wikipedia.org/wiki/President’s_Committee_on_the_Arts_and_Humanities
