Ares im Bronzegewand, oder: Die ungebetene Mahnung vor den Midterms

Durch | 10. August 2026

Es gibt Skulpturen, die nicht einfach im Raum stehen. Sie warten. Marita Vollborns ARES, 2015 in Ton geformt und später in limitierter Bronzeedition gegossen, gehört zu ihnen. Der griechische Kriegsgott, den die Künstlerin hier nicht als heroischen Jüngling mit blitzendem Speer, sondern als rohe, bedrohliche Körpermasse erscheint – ungezügelt, blutrünstig, getrieben von jener Gier, die Konflikte nicht beendet, sondern perpetuiert. Mehr als achtzig Millionen Tote zweier Weltkriege, so formuliert Vollborn selbst, haben den Rüstungswettlauf und die Anstiftung zum Krieg offenbar nicht gestoppt. Die Figur strahlt jene Ambivalenz aus, die das Projekt Sinn und Scherben seit 2010 umkreist: Macht und Schuld, Kraft und Fragilität, die systematische Ausbeutung von Gewalt durch jene, die davon profitieren.

Dass dieses Werk, geschaffen in einer Zeit relativer europäischer Ruhe, im Sommer 2026 auf der Chianciano Biennale in der Toskana als Selected-Artist-Beitrag gezeigt wird, wäre an sich eine kunsthistorische Fußnote. Entscheidend wird es durch die Geste der Künstlerin: Sie stellt ARES derzeit nicht in den Vereinigten Staaten aus. Nicht aus Feindseligkeit, wie sie betont, sondern aus Prinzip. Das amerikanische Volk habe seinen Präsidenten demokratisch gewählt – diese Entscheidung sei zu respektieren. Was jedoch nicht akzeptiert werden dürfe, sei die Aushöhlung der Checks and Balances, besonders in der Außenpolitik. Großmacht-Rhetorik, die beiläufige Erwägung militärischer Optionen gegen souveräne Territorien, die Rückkehr imperialen Denkens – Greenland als Beispiel alter Herrschaftslogik in modernem Gewand. Kriege und Kriegsdrohungen seien ein No-Go. Kunst dürfe problematische Entwicklungen nicht schönreden.

Hier beginnt das Unbehagen. Donald Trump, dessen zweite Amtszeit die globale Stabilität nicht nur berührt, sondern mitgestaltet, findet in dieser bronzenen Figur einen Spiegel, den er nicht bestellt hat und den er nicht kontrollieren kann. ARES ist keine Karikatur des Präsidenten. Er trägt keine roten Krawatten und keine goldenen Lettern. Gerade deshalb ist er gefährlicher. Die Skulptur benennt nicht Personen, sondern Mechanismen: die Versuchung unbegrenzter Macht, die Monetarisierung von Konflikt, die Verwandlung von Souveränität in Verhandlungsmasse. In einer Phase, in der die Midterms des Novembers 2026 näher rücken und das historische Muster gegen die Partei des amtierenden Präsidenten spricht, wird kulturelle Kritik zu einem weichen, aber zähen Faktor. Sie nährt Narrative von Isolation, von imperialem Überdehnen, von einer Außenpolitik, die Allianzen als Belastung und Territorien als Trophäen liest.

Vollborns Biografie verleiht dem Ganzen eine zusätzliche Schärfe. 1965 in Erfurt geboren, aufgewachsen unter einem System, das Kunst, Philosophie und freies Denken zensierte, erlebte sie den Fall der Mauer als fragile Hoffnung. Wer die totalitäre Versuchung am eigenen Leib erfahren hat, erkennt ihre mildernden Varianten schneller. Die Weigerung, ARES in den USA zu zeigen, solange kritische Stimmen sich dort nicht vorhersagbar sicher bewegen können, ist kein Boykott im klassischen Sinn. Es ist die Inszenierung einer Abwesenheit. Die leere Vitrine spricht lauter als die gefüllte. Während in Miami goldene Kolossalfiguren des Präsidenten geweiht werden und anonyme Künstler auf dem National Mall ephemeralische Protestplastiken errichten, die rasch entfernt werden, steht in der Toskana eine Figur, die den Blick auf das Systemische lenkt: auf die Gier hinter dem Pathos, auf die Profitlogik hinter dem Nationalinteresse.

Intellektuell anspruchsvoll wird der Vorgang, weil er die Dialektik von Repräsentation und Macht freilegt. Bronze ist Permanenz. Politische Rhetorik ist Kontingenz. ARES überdauert Amtszeiten. Er erinnert daran, dass Krieg nicht nur von ideologischen Fanatikern, sondern von nüchternen Kalküleuren betrieben wird – von jenen, die aus dem Leid anderer Märkte machen. In einer Ära resurgentem Nationalismus und unilateraler Gesten wird die Skulptur zum Gegengewicht: kein moralischer Zeigefinger, sondern eine materielle Vergegenwärtigung dessen, was geschieht, wenn Gegengewichte schwinden. Die europäische Kunsttradition, von Goya bis Kollwitz, hat stets darauf bestanden, dass Macht sich nicht selbst porträtiert, sondern porträtiert werden muss.

Vor den Midterms kann diese Unbequemlichkeit konkret werden. Internationale Medien berichten über die Weigerung einer deutschen Künstlerin. Amerikanische Besucher der Biennale sehen das Werk und hören die Begründung. Die Soft Power der Vereinigten Staaten, ohnehin unter Druck, erleidet einen weiteren symbolischen Kratzer. Kritische Diskurse im Inland – über institutionelle Erosion, über die Grenzen der Exekutive, über die Kosten imperialer Ambitionen – erhalten von außen Nahrung. Trump, der die kulturelle Arena gerne als Bühne der Stärke bespielt, trifft hier auf eine Form der Kritik, die sich dem direkten Gegenangriff entzieht. Man kann die Künstlerin diskreditieren, die Biennale ignorieren, die Skulptur als europäische Nörgelei abtun. Man kann sie nicht ungeschehen machen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe. ARES ist 2015 entstanden. Er war schon damals eine Warnung. Dass er 2026 so aktuell wirkt, als sei er für diesen Moment gegossen worden, spricht weniger über die Prophetie der Künstlerin als über die Wiederkehr des Immergleichen. Die Gier nach Dominanz, die Verachtung für Begrenzungen, die Verwandlung von Politik in nackte Kraft – sie sind keine Erfindung einer Amtszeit. Sie sind anthropologische Konstanten, die in bestimmten Konstellationen besonders grell hervortreten. Marita Vollborn hat ihnen eine Gestalt gegeben und sich entschieden, diese Gestalt dort nicht hinzustellen, wo die Gestaltungsmacht am größten ist. Die Abwesenheit ist die Aussage. Und vor den Midterms kann gerade diese Abwesenheit unangenehm werden – weil sie zeigt, dass nicht jede Form von Macht sich in Bronze gießen und als Triumph präsentieren lässt. Manche Formen erscheinen, wenn man sie am genauesten betrachtet, als das, was sie sind: ein Gott des Krieges, der nichts hinterlässt als Scherben.

Poster for Chianciano Art Museum announcing the Selected Artist Marita Vollborn featuring a bronze sculpture on a rocky pedestal Biennale 2026
ARES von Marita Volllborn Copyright Marita Volllborn
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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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