Brüssel – Ein rekordheißer Sommer hat Europas Stromnetze an ihre Grenzen gebracht, während der Krieg in der Ukraine, Drohnenangriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur und Lücken in der Gasversorgung die blinden Flecken der europäischen Energieplanung offenlegen. Forscher argumentieren, dass kein einzelnes Energiesystemmodell diese miteinander verwobenen Herausforderungen vollständig abbilden könne, die Verbindung unterschiedlicher Modelle jedoch ein klareres Bild ermöglichen könnte. Darüber werden Fachleute am 21. und 22. Oktober in Brüssel auf der European Climate and Energy Modelling Platform (ECEMP) diskutieren, die in diesem Jahr unter dem Titel „Climate Change, Energy Security and Competitiveness: Modelling an energy system under stress“ steht.
Erik Delarue, der die Gruppe für Energiesystemintegration und -modellierung an der KU Leuven leitet, rahmt die Veranstaltung um das sogenannte Energie-Trilemma aus kostengünstigen und wettbewerbsfähigen Lösungen, Versorgungssicherheit und Resilienz sowie Nachhaltigkeit. Er erinnerte daran, dass der Fokus vor zehn Jahren stark auf den CO2-Emissionen gelegen habe, Europa dort lange Vorreiter gewesen sei, in den vergangenen Jahren jedoch die anderen beiden Aspekte durch den Krieg vor der eigenen Haustür und dessen Auswirkungen auf Industrie und Versorgung wieder stärker in den Vordergrund gerückt seien. Manche Faktoren, die das Energiesystem heute prägen, seien gerade jene, die Modelle schwer erfassen könnten, etwa das menschliche Verhalten, das nicht rein rational optimierend sei und Forscher daher zu agentenbasierten Ansätzen führe.
Pedro Crespo del Granado, Energieökonom an der NTNU und Forschungskoordinator des Projekts iDesignRES, wies darauf hin, dass die EU eine mittelfristige Strategie für Erdgas benötige, die Modelle jedoch von einem perfekten Markt und voller Kooperation ausgingen, was nicht der Realität entspreche. Bis 2035 oder 2040 könnte die heutige Gasinfrastruktur wirtschaftlich schwer tragfähig werden, was Modelle nicht anzeigten, weil sie den Gaspreis nicht anheben würden, um die Infrastruktur am Laufen zu halten. Auch die soziale Seite der Transformation werde oft vernachlässigt: Planungen setzten eine enge Zusammenarbeit aller europäischen Staaten und einen schnellen Netzausbau voraus, berücksichtigten aber nicht die öffentliche Akzeptanz und die dafür nötigen politischen und regulatorischen Anpassungen.
Besonders deutlich werde die Lücke zwischen Modell und Realität in der Ukraine, wo iDesignRES eine Fallstudie zur Planung eines Energiesystems unter Kriegsbedingungen durchführt. Crespo del Granado berichtete, man habe gelernt, Methoden zur Analyse von Kriegseinflüssen wie Drohnenwellen zu beschleunigen; das ukrainische System könne Stunden im Voraus auf Angriffswellen reagieren und Blackouts sowie das Netz umkonfigurieren. In Stakeholder-Workshops hätten ukrainische Partner die Beschleunigung der Netzanbindung und der Marktkopplung mit Europa als Priorität genannt und Fragen zu den Implikationen für beide Seiten sowie zur schnelleren Regulierung aufgeworfen.
Niina Helistö vom finnischen Forschungszentrum VTT, die das Projekt Mopo koordiniert, das ein Werkzeugset für die Planung nachhaltiger und resilienter Energiesysteme entwickelt und die Verbindung unterschiedlicher Modelle erprobt, warnte davor, ein Modell für Fragen einzusetzen, für die es nicht gebaut sei, da dies irreführend sein könne. Klimawandel und variable Erneuerbare hätten zu umfassenderen Modellen und deren Kopplung geführt. Demonstrationsfälle des Projekts betreffen unter anderem die baltischen Staaten, die ihre Netze 2025 mit Kontinentaleuropa synchronisiert hätten, sowie einen Industriecluster in den Niederlanden und Belgien, wo Wettbewerbsfähigkeit und Dekarbonisierung im Fokus stünden. Ohne gemeinsame Interoperabilitätsstandards seien Modellkopplungen schwieriger und fehleranfälliger.
Crespo del Granado nannte die Preiswirkungen als eines der schwierigsten Probleme, da Modelle an verschiedenen Stellen Vereinfachungen vornähmen und Politikern so ein unscharfes Bild für Marktdesign und Anreize lieferten. Die Initiativen testen keine Möglichkeit, das Trilemma endgültig auszubalancieren, sondern einen Weg, die Wechselwirkungen der Entscheidungen klarer zu erkennen, bevor der nächste Schock das System erneut unter Druck setze. Eine DOI lag für den Bericht nicht vor.
