Bundeswehr 2025: Zwischen Zeitenwende und anhaltenden Defiziten

Durch | 27. Juni 2025

Die Bundeswehr steht 2025, 70 Jahre nach ihrer Gründung, an einem Scheideweg. Angesichts der veränderten Sicherheitslage durch den Krieg in der Ukraine, Spannungen im Nahen Osten und die geopolitische Unzuverlässigkeit der USA unter Präsident Donald Trump wird die „Zeitenwende“ in der deutschen Verteidigungspolitik mit Nachdruck vorangetrieben. Doch trotz milliardenschwerer Investitionen bleibt die Bundeswehr von ihrem Ziel, die stärkste Streitkraft Europas zu werden, weit entfernt. Der aktuelle Zustand, geprägt von Personalmangel, maroder Infrastruktur und Materialdefiziten, wird von Experten, der Wehrbeauftragten und Medien gleichermaßen kritisch bewertet.

Finanzielle Aufstockung: Sondervermögen und Haushaltssteigerungen

Die Bundesregierung hat seit 2022 massive finanzielle Mittel bereitgestellt, um die Bundeswehr zu modernisieren. Das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen, eingeführt nach Russlands Angriff auf die Ukraine, ist größtenteils für neue Waffensysteme, Munition und Infrastruktur verplant. Für 2025 beträgt der Verteidigungshaushalt rund 62,43 Milliarden Euro, ergänzt um 24 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen, insgesamt über 86 Milliarden Euro. Bis 2029 soll der Etat auf 152,83 Milliarden Euro steigen. Diese Mittel finanzieren unter anderem die Beschaffung von F-35-Jets, U-Booten, 105 Leopard-2-Panzern für die Litauenbrigade und 60 Boeing CH-47F Chinook-Transporthubschraubern. Dennoch wird das Sondervermögen voraussichtlich bis 2027 aufgebraucht sein, und ein drohendes Haushaltsloch von bis zu 56 Milliarden Euro im Jahr 2028 sorgt für Besorgnis.

Die Bundesregierung hat 2025 die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben über 1 Prozent des BIP gelockert, um die NATO-Ziele zu erfüllen. Deutschland erreicht 2025 erstmals seit drei Jahrzehnten das Zwei-Prozent-Ziel der NATO, doch Experten wie Christian Mölling warnen, dass die Mittel nicht ausreichen, um ganz Deutschland oder Europa abzusichern. Neue NATO-Fähigkeitsziele, beschlossen auf dem Gipfel in Den Haag, stellen die Bundeswehr vor weitere Herausforderungen, insbesondere bei Luftverteidigung, Drohnen und weitreichenden Präzisionswaffen.

Personalmangel: Die größte Baustelle

Die Bundeswehr leidet unter akutem Personalmangel. Mit 182.064 Soldaten (Stand März 2025) bleibt sie weit unter dem Ziel von 203.000 Soldaten für 2025, das bereits 2017 unter Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen festgelegt wurde. Die Truppe „altert und schrumpft“, wie die Wehrbeauftragte Eva Högl in ihrem letzten Bericht 2024 feststellte, mit einem Durchschnittsalter von 33,8 Jahren. Nur 13,6 Prozent der Soldaten sind Frauen, obwohl im Sanitätsdienst ein Anteil von 50 Prozent angestrebt wird. Die Rekrutierung bleibt schwierig, da die Bundeswehr auf dem Arbeitsmarkt mit der Privatwirtschaft konkurriert und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Problem darstellt.

Die Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist 2025 hitzig. Verteidigungsminister Boris Pistorius prüft Modelle wie die schwedische Musterungspflicht, bei der nur ein Teil eines Jahrgangs eingezogen wird. Aktuell fehlen jedoch Kapazitäten für die Ausbildung von mehr als 5.000 bis 7.000 Rekruten, und marode Kasernen sowie fehlende Ausbilder verschärfen das Problem. Der neue Wehrbeauftragte Henning Otte spricht sich für einen verpflichtenden Wehrdienst aus, während die SPD auf Freiwilligkeit setzt und Anreize wie höhere Gehälter oder Führerscheinangebote vorschlägt. Experten wie Carlo Masala betonen, dass die Bundeswehr „Masse“ brauche, um im Ernstfall effektiv zu sein.

Materialmangel und Infrastrukturprobleme

Trotz milliardenschwerer Investitionen bleiben die Materialdefizite gravierend. Eva Högl konstatierte: „Die Bundeswehr hat von allem zu wenig: Munition, Ersatzteile, Funkgeräte, Panzer, Schiffe, Flugzeuge.“ Die Abgabe von Material wie Leopard-2-Panzern, Panzerhaubitzen und Patriot-Systemen an die Ukraine (Wert: über 5 Milliarden Euro) hat die Einsatzbereitschaft weiter geschwächt. Die Division 2025, eine für die NATO zugesagte, sofort einsatzfähige Heeresdivision, ist noch nicht voll ausgestattet, obwohl das Ziel ursprünglich 2027 lautete.

Die Infrastruktur der Bundeswehr ist ebenfalls in einem desolaten Zustand. Kasernen wie die Südpfalz-Kaserne in Germersheim weisen Schimmel, Wasserschäden und baufällige Unterkünfte auf, was Rekruten oft zur Aufgabe der Ausbildung bewegt. 2024 wurden 1,6 Milliarden Euro in Baumaßnahmen investiert, doch der Sanierungsbedarf liegt bei 67 Milliarden Euro. Ein Aktionsplan zur Beschleunigung von Infrastrukturprojekten und Bürokratieabbau wurde initiiert, zeigt aber noch keine flächendeckenden Erfolge.

Internationale Verpflichtungen: Litauenbrigade und NATO

Ein Meilenstein der Zeitenwende ist die Stationierung der Panzerbrigade 45 in Litauen, die 2025 offiziell in Dienst gestellt wurde. Mit bis zu 5.000 Soldaten bis 2027 soll sie die NATO-Ostflanke stärken, doch die volle Einsatzbereitschaft ist noch nicht erreicht. Die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern wird ausgebaut: Niederländische, tschechische und rumänische Brigaden sind in deutsche Divisionen integriert, um eine präventive Abschreckung gegen Russland zu gewährleisten. Dennoch bleibt die Bundeswehr von einer vollständigen Verteidigungsfähigkeit entfernt, da sie laut Experten wie Thomas Wiegold „blanker als blank“ ist, insbesondere bei elektronischer Kampfführung und Sanitätsdienst.

Gesellschaftliche Wahrnehmung und Veteranentag

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Bundeswehr wächst, nicht zuletzt durch den ersten nationalen Veteranentag am 15. Juni 2025, der aktive und ehemalige Soldaten würdigt. Doch Kritiker sehen darin Symbolpolitik, und antimilitaristische Proteste zeigen weiterhin Vorbehalte. Die Bundeswehr versucht, durch Veranstaltungen wie den Tag der Bundeswehr oder den Girls’ und Boys’Day ihre Attraktivität zu steigern, bleibt aber ein umkämpfter Arbeitgeber.

Kritik und Ausblick

Der Bundesrechnungshof kritisiert eine übermäßige Führungsstruktur und ineffiziente Mittelverwendung, während Militärexperten wie André Wüstner die schleppende Rüstung und versäumte Bestellungen anprangern. Posts auf X spiegeln die Frustration: „Die Bundeswehr erfüllt weder NATO-Forderungen noch kann sie das eigene Land verteidigen“, schreibt ein Nutzer. Die SPD und CDU stehen unter Druck, die Reformen zu beschleunigen, doch die Umsetzung bleibt langwierig. Ohne zusätzliche Soldaten, moderne Ausrüstung und sanierte Kasernen wird die Bundeswehr laut Wehrbeauftragtem Otte nicht kriegstüchtig. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die ambitionierten Ziele von Kanzler Merz und Verteidigungsminister Pistorius die Bundeswehr zur stärksten Streitkraft Europas machen können.

Quellen: tagesschau.de, ZDFheute, FAZ, ZEIT ONLINE, Bundeswehr.de, bmvg.de, Statista

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