Das Staatsversagen: Wie die Bundesregierung unter Merz Ostdeutschlands Chemieindustrie fallen lässt

Durch | 12. Dezember 2025

Die Chemieindustrie in Ostdeutschland steht vor dem Abgrund. In Regionen wie dem Chemiedreieck Sachsen-Anhalts und Sachsens, wo nach der Wende Hoffnung auf wirtschaftliche Erneuerung gekeimt hatte, zeichnen sich nun Konturen einer strukturellen Erosion ab. Die Schließung von Produktionsanlagen, der Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen und ein anhaltender Produktionsrückgang signalisieren nicht nur eine Branchenkrise, sondern ein fundamentales Versagen staatlicher Rahmenbedingungen. Unter der Führung von Bundeskanzler Friedrich Merz, der seit dem Wechsel im Frühjahr 2025 die Geschicke der Koalition aus CDU, CSU und FDP lenkt, hat die Bundesregierung zwar rhetorisch Unterstützung zugesagt, doch die harten Daten offenbaren eine Lücke zwischen Ankündigungen und Umsetzung. Hohe Energiekosten, bürokratische Hürden und unzureichende Investitionen in Infrastruktur lassen die ostdeutsche Chemiebranche – einst ein Garant für Stabilität – systematisch verkümmern. Diese Analyse beleuchtet die Faktenlage, um zu verstehen, warum der Osten Deutschlands in dieser Schlüsselindustrie isoliert wird.

Die Wurzeln der ostdeutschen Chemieindustrie reichen in die Nachwendezeit zurück. Nach 1990 investierten Konzerne wie Dow, BASF und Linde Milliarden in Standorte wie Schkopau, Böhlen und Leuna, um die veralteten DDR-Anlagen zu modernisieren. Bis 2010 wuchs der Sektor hier um jährlich durchschnittlich 3 Prozent, getrieben von Subventionen und EU-Fördermitteln. Im Jahr 2020, vor dem Energiekrisen-Ausbruch, beschäftigte die Branche in Sachsen und Sachsen-Anhalt rund 25.000 Menschen und erzielte einen Umsatzanteil von 15 Prozent am bundesweiten Chemieoutput. Die Regionen profitierten von einer Symbiose: Chemie lieferte Grundstoffe für Automobilzulieferer, Pharmazeutika und Kunststoffverarbeiter, was Zulieferketten stabilisierte und Einkommen schuf. Der Beitrag zur ostdeutschen BIP lag bei etwa 8 Prozent, höher als im Westen. Doch seit 2022 hat sich das Bild dramatisch gewandelt. Die russische Invasion in der Ukraine und der damit einhergehende Energiepreisschub markierten den Wendepunkt. Während der Gaspreis 2022 auf über 300 Euro pro Megawattstunde kletterte, stiegen die Stromkosten für energieintensive Prozesse in der Chemie um 40 Prozent. Ostdeutsche Werke, die auf günstigen Braunkohle- und Gasstrom angewiesen waren, litten besonders, da die Dekarbonisierung den Übergang zu Erneuerbaren verzögerte.

Die Zahlen für 2025 unterstreichen die Tiefe der Krise. Laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) sank die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Branche bundesweit um 0,5 Prozent gegenüber 2024, wobei der reine Chemiesektor um 2,5 Prozent einbrach. In Ostdeutschland war der Rückgang ausgeprägter: In Sachsen und Sachsen-Anhalt fiel die Outputmenge um 3,2 Prozent, bedingt durch eine Auslastung der Anlagen von nur 68 Prozent – unter dem bundesweiten Tief von 70 Prozent. Der Umsatz der Branche insgesamt belief sich auf 220 Milliarden Euro, ein Minus von 1 Prozent, mit einem Exportrückgang von 3 Prozent auf 136 Milliarden Euro. Im Inland, wo ostdeutsche Lieferanten stark vertreten sind, schrumpfte der Absatz um 4 Prozent auf 84 Milliarden Euro. Die Erzeugerpreise stagnierten auf hohem Niveau, was Margen drückt: Während Rohstoffe wie Ethylen um 15 Prozent teurer wurden, konnten Preisanpassungen nur zu 5 Prozent durchgereicht werden. Auftragsbestände sind seit 2021 um 22 Prozent gesunken, mit einem Inventar von nur 4,8 Monaten Produktion – der niedrigste Wert seit der Finanzkrise 2009.

Besonders alarmierend ist der Arbeitsmarkteffekt. Bundesweit verloren die Chemieunternehmen 2025 rund 2.400 Stellen, was einem Rückgang von 0,5 Prozent auf 478.000 Beschäftigte entspricht. In Ostdeutschland betraf dies 1.200 Positionen, hauptsächlich in Sachsen-Anhalt (800) und Sachsen (400). Die Quote an unbesetzten Stellen in der Branche stieg auf 7 Prozent, doch der Nettoverlust resultiert aus Verlagerungen und Stilllegungen. Der VCI prognostiziert für 2026 einen weiteren Abbau von 1.500 Jobs, wenn keine Gegenmaßnahmen greifen. Diese Zahlen spiegeln nicht nur direkte Entlassungen wider, sondern auch indirekte Effekte: Jeder Chemie-Job sichert drei Zulieferstellen, sodass der Multiplikatoreffekt in Regionen wie dem Leipziger Umland auf 4.000 betroffene Haushalte hinausläuft. Die Arbeitslosenquote in chemieaffinen Kreisen kletterte von 5,2 Prozent im Jahr 2023 auf 8,1 Prozent 2025, mit einem Verlust an qualifizierten Fachkräften von 12 Prozent durch Abwanderung in den Westen oder ins Ausland.

Ein exemplarischer Fall ist der US-Konzern Dow, der die ostdeutsche Chemieindustrie verkörpert. Im Juli 2025 kündigte Dow die Stilllegung von Anlagen in Böhlen und Schkopau an, mit Fertigstellung bis Ende 2027. Betroffen ist der Steamcracker in Böhlen, eine Kernanlage für die Ethylenproduktion, die 40 Prozent der regionalen Grundchemie versorgt. Die Schließung kostet 550 Jobs direkt, plus 1.200 indirekt bei Lieferanten. Gründe: Energiekosten, die in Deutschland 2,5-mal höher liegen als in den USA, und eine Nachfragerückgang in der Automobil- und Bauindustrie um 18 Prozent. Trotz Interventionen der Merz-Regierung – darunter ein Gipfeltreffen im Mai 2025 – blieb der Verkauf der Anlagen aus. Dow argumentierte mit strukturellen Marktschwächen in Europa, wo der CO2-Preis 2025 auf 95 Euro pro Tonne kletterte und jährlich 800 Millionen Euro Zusatzkosten verursacht. Ähnliche Dynamiken zeigen sich bei anderen Akteuren: Ineos schloss im Oktober 2025 zwei Werke in Rheinberg (NRW), mit 175 Jobverlusten, und verweist auf eine europäische Produktionsrückgang von 18 Prozent seit 2019. In Ostdeutschland plant Evonik die Reduktion von Kapazitäten in Bitterfeld um 15 Prozent, was 300 Stellen trifft. Insgesamt wurden 2025 bundesweit 200 Anlagen stillgelegt, davon 45 in Ostdeutschland, mit einem kumulierten Jobverlust von 40.000 in der EU.

Die Energiepolitik der Merz-Regierung trägt zentrale Verantwortung für diese Entwicklung. Seit Amtsantritt im März 2025 hat die Koalition einen Industriestrompreis von 6 Cent pro Kilowattstunde angekündigt, der energieintensive Branchen entlasten soll. Tatsächlich wurde im November 2025 ein Koalitionsausschuss beschlossen, der Subventionen in Höhe von 10 Milliarden Euro vorsieht, doch die Umsetzung verzögert sich aufgrund EU-Staatsaideregeln bis Mitte 2026. Der aktuelle Strompreis für Chemieunternehmen liegt bei 14 Cent/kWh, 30 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Merz‘ Rede beim Chemie- und Pharma-Summit im September 2025 versprach eine „Technologieoffenheit“ inklusive Abwasserwärme und Höhenwindkraft im Chemiedreieck, doch Investitionen in diese Projekte beliefen sich nur auf 200 Millionen Euro – ein Bruchteil der benötigten 5 Milliarden. Die Entlastung beim Emissionshandel, die Merz im Oktober forderte, führte zu einer vorübergehenden Senkung der Zertifikatspflicht um 10 Prozent, sparte aber ostdeutschen Werken nur 150 Millionen Euro ein, während der Gesamthaushalt für Klimaschutz auf 50 Milliarden Euro anstieg.

Zusätzlich belastet die geplante Grüngas-Quote für Heizungen, die im November 2025 beschlossen wurde, die Branche indirekt. Sie zwingt zu einem Wasserstoffanteil von 5 Prozent im Gasnetz, was Produktionskosten um 8 Prozent steigert, ohne dass ostdeutsche Pipelines ausreichend angepasst sind. Die Kraftwerksstrategie, die Merz im September bei der Energiekonferenz der Betriebsräte skizzierte, priorisiert Gaskraftwerke mit CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage), doch nur zwei Projekte in Brandenburg wurden genehmigt, mit einer Kapazität von 800 Megawatt – unzureichend für die 5 Gigawatt, die die Chemie braucht. Im Vergleich: In den USA subventioniert der Inflation Reduction Act 2022 mit 370 Milliarden Dollar den Sektor, was zu einem Produktionswachstum von 4 Prozent führte. In China, dem globalen Marktführer, sanken Energiekosten 2025 um 12 Prozent durch staatliche Preiskontrollen, was den Exportanteil auf 35 Prozent hob. Europaweit verlor die Chemie 2025 1,5 Prozent Marktanteil, Deutschland doppelt so viel, mit Ostdeutschland als Verliererzone: Der regionale Outputanteil sank von 12 auf 9 Prozent.

Die sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen für Ostdeutschland sind profund. In Kreisen wie dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld, wo Chemie 20 Prozent der Steuereinnahmen generiert, fiel das BIP-Wachstum 2025 auf 0,2 Prozent, gegenüber 1,8 Prozent bundesweit. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg um 15 Prozent, da Ausbildungsplätze in der Branche um 10 Prozent zurückgingen. Kommunen verzeichnen Einnahmeverluste von 120 Millionen Euro jährlich durch Gewerbesteuern. Der Demografieeffekt verstärkt sich: 2025 wanderten 2.500 Fachkräfte ab, was die Alterspyramide verschärft. Langfristig droht eine Abhängigkeit von Importen: Deutschland importierte 2025 25 Prozent mehr Chemierohstoffe aus Asien, was die Handelsbilanz um 8 Milliarden Euro belastet. Der VCI warnt vor einem „Kollaps“, da 10 Prozent der Unternehmen Standortschließungen planen und 40 Prozent Umsatzrückgänge im Inland erwarten.

Dieses Szenario offenbart ein Staatsversagen auf mehreren Ebenen. Die Merz-Regierung hat die Chemieindustrie als „strategischen Pfeiler“ bezeichnet, doch die Politik bleibt fragmentiert: Während der Industriestrompreis als Pflaster wirkt, fehlt eine ganzheitliche Strategie gegen globale Wettbewerbsnachteile. Die EU-Klimaziele von 55 Prozent Reduktion bis 2030 kollidieren mit der Realität energieintensiver Prozesse, ohne dass Ausnahmen für den Osten greifen. Ostdeutsche Initiativen wie der Chemiegipfel in Böhlen im Dezember 2025 fordern unbürokratische Hilfen – von Strompreisdeckeln bis zu Investitionsprämien –, doch Berlin priorisiert westdeutsche Autosektoren. Die Folge: Eine regionale Disparität, die die Wiedervereinigungsideale untergräbt. Um den Verlust zu stoppen, bräuchte es einen Marshallplan für Ostchemie: 20 Milliarden Euro in Dekarbonisierung, schnelle Genehmigungen und eine EU-weite Energieunion. Ohne das wird die Branche nicht nur schrumpfen, sondern kollabieren – und mit ihr die Hoffnung auf einen ausgeglichenen Deutschland.

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