Wenn Menschen keine Ungleichheit wahrnehmen, befürworten sie seltener Maßnahmen zur Umverteilung von Vermögen, wie beispielsweise Steuern – sind aber gleichzeitig zufriedener mit ihrer Lebenssituation. Dies geht aus Online-Experimenten mit 1.440 Teilnehmern aus den USA hervor.
Milena Tsvetkova und ihre Kollegen entwickelten ein Modell, das simuliert, wie die Netzwerkstruktur die Wahrnehmung von Ungleichheit beeinflusst, und testeten dessen Vorhersagen in einem Online-Experiment, in dem die Teilnehmer über Steuersätze abstimmten. Im Experiment wurden die Teilnehmer zufällig als „reich“ (mit Werten um 200) oder „arm“ (mit Werten um 20) eingestuft und konnten jeweils nur acht der insgesamt 24 Gruppenmitglieder beobachten. Unterschiedliche Netzwerkstrukturen bestimmten, wen sie beobachteten.

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Tsvetkova et al
Obwohl alle Teilnehmer im Voraus über die mögliche Wertespanne informiert wurden, stellten die Autoren fest, dass segregierte Netzwerke – in denen Reiche nur Reiche und Arme nur Arme sehen – die geringste Umverteilung durch Steuern und die geringste Polarisierung bewirkten. Dadurch blieben die armen Teilnehmer zwar am ärmsten, aber zufrieden. Netzwerke, in denen arme Teilnehmer viele reiche Teilnehmer sehen konnten, führten zwar zu einer höheren Umverteilung durch Steuern, verstärkten aber auch Polarisierung und Unzufriedenheit. Die wohlhabenden Teilnehmer zeigten unabhängig von ihrer Netzwerkstruktur selten eine stärkere Unterstützung für Umverteilung, während die ärmeren Teilnehmer diese eher befürworteten, nachdem sie die Vorteile höherer Steuern in wiederholten Runden beobachtet hatten.
Laut den Autoren sollten politische Kommunikationsstrategien zur Steigerung der Unterstützung für Umverteilung die Sichtbarkeit übermäßigen Reichtums durch Nachrichtenberichte, politischen Diskurs und soziale Medien erhöhen – was jedoch die Gefahr birgt, Polarisierung und Konflikte zu verschärfen.
