Die Schließung der Eberswalder Wurstwerke in Britz markiert einen weiteren Fall in einer langen Reihe wirtschaftlicher Übernahmen und Abwicklungen in Ostdeutschland. Das Werk, das zu den größten Fleischverarbeitungsbetrieben Europas in der DDR-Zeit gehörte, wird von der Tönnies-Gruppe bis Ende Februar 2026 stillgelegt. Über 500 Beschäftigte verlieren ihre Jobs. Die Produktion der Marke Eberswalder wird an andere Standorte des Konzerns verlagert, vornehmlich in Ostdeutschland, aber die lokale Wertschöpfung in Brandenburg endet. Der Konzern aus Westdeutschland hatte das Unternehmen erst 2023 über die Zur Mühlen Gruppe erworben. Sinkende Verkaufszahlen und hoher Preisdruck werden als Gründe genannt, doch der Vorgang passt in ein Muster: Westdeutsche Konzerne kaufen ostdeutsche Betriebe, optimieren sie kurzfristig und schließen sie, wenn sie nicht mehr passen. Dies führt zu massiven Arbeitsplatzverlusten und schwächt die regionale Wirtschaft.
Die Geschichte dieses Raubzugs beginnt mit der Wiedervereinigung 1990. Die Treuhandanstalt, gegründet im März 1990 unter der letzten DDR-Regierung und später von westdeutschen Managern geleitet, übernahm die Privatisierung des Volkseigentums. Sie war für rund 8500 Betriebe verantwortlich, in denen über vier Millionen Menschen arbeiteten. Bis 1995 wurden 19.500 Unternehmen privatisiert, Tausende weitere liquidiert. Insgesamt wurden 25.000 kleine Geschäfte und Restaurants verkauft, ebenso 50.000 weitere Einheiten. Das Vermögen der DDR, geschätzt auf Hunderte Milliarden D-Mark, floss größtenteils in westdeutsche Hände. 85 Prozent des ehemaligen Volkseigentums gingen an Westdeutsche, 10 Prozent an internationale Investoren und nur fünf Prozent an Ostdeutsche. Diese Umverteilung war historisch einmalig und führte zu einer massiven Konzentration von Eigentum im Westen.
Ein frühes Beispiel ist der Verkauf der Genossenschaftsbank der DDR. Sie ging 1990 für 106 Millionen D-Mark an die westdeutsche DG Bank. Der Rechnungshof kritisierte später, dass der Preis zu niedrig war, da die DG Bank durch den Erwerb erhebliche Vermögenswerte und Marktanteile sicherte. Ähnlich verlief es bei vielen Industriebetrieben. Das Kaliwerk in Bischofferode, ein profitables Unternehmen, wurde geschlossen, weil es mit den Prozessen des westdeutschen Konkurrenten BASF nicht kompatibel war. Das Salz aus Bischofferode war von höherer Qualität, passte aber nicht in die BASF-Produktion. Folge: 1000 Arbeitsplätze gingen verloren, trotz Protesten und Hungerstreiks der Belegschaft. Der Betrieb wurde nicht saniert, sondern abgewickelt, um Konkurrenz zu eliminieren.
In der Luftfahrtbranche zeigt sich dasselbe Muster. Die DDR-Fluglinie Interflug wurde liquidiert, obwohl sie wirtschaftlich tragfähig war. Die westdeutsche Lufthansa duldete keine innerdeutsche Konkurrenz. Die Treuhand blockierte sogar Angebote aus dem Ausland, um den Markt für Lufthansa freizumachen. Tausende Jobs in Ostberlin und Umgebung verschwanden. Ähnlich erging es dem Wärmeanlagenbau Berlin (WBB). 1991 verkauft an die Schweizer Chematec AG für zwei Millionen D-Mark, wurde der Betrieb mit 1225 Mitarbeitern ausgeblutet. Der Käufer, der als Strohmann agierte, entzog 100 Millionen D-Mark, davon 31 Millionen auf private Konten. Bis 1994 war der Betrieb konkursreif, nur 250 Jobs blieben übrig. Grundstücke in Berlin und Sachsen wechselten die Eigentümer, oft zu westdeutschen Investoren.
Der Film- und Medienbereich liefert weitere Beispiele. Die DEFA-Studios in Babelsberg, ein Kern der DDR-Filmindustrie, wurden 1992 an den französischen Konzern Compagnie Générale des Eaux verkauft, der später zu Vivendi Universal wurde. Obwohl ostdeutsche Interessenten vorhanden waren, floss das Know-how und die Infrastruktur in ausländische Hände, mit Unterstützung westdeutscher Berater. In der Textilindustrie übernahm der schwäbische Unternehmer Wolfgang Jassner 1993 das marode Trikotagen-Kombinat in Chemnitz. Aus dem VEB Tricotex entstand Bruno Banani, eine erfolgreiche Marke für Unterwäsche. Doch der Erfolg basierte auf privater Verschuldung des Käufers und führte zu einer Verlagerung der Wertschöpfung. In Hartmannsdorf, nur wenige Kilometer entfernt, gelang einem anderen westdeutschen Familienunternehmer ein großer Coup: Der Kauf eines Textilbetriebs für eine symbolische Summe, der zu erheblichen Gewinnen führte, während lokale Strukturen abgebaut wurden.
In der Chemie- und Energiebranche dominierten westdeutsche Giganten. RWE und E.ON erwarben große Teile der ostdeutschen Energieinfrastruktur, oft unter Wert. Das Kraftwerk in Boxberg wurde saniert, aber viele kleinere Anlagen geschlossen, was zu 5000 Jobverlusten in der Lausitz führte. Die Privatisierung der Braunkohleindustrie brachte bis 2022 weitere 10.000 Arbeitsplätze zum Verschwinden. Westdeutsche Konzerne wie BASF übernahmen Werke in Leuna und Schwedt, investierten selektiv und verlagerten Produktionsteile. In Leuna sank die Belegschaft von 28.000 auf 8000, trotz Milliardeninvestitionen. Die Folge: Regionale Zulieferer gingen pleite, da Aufträge an westdeutsche Partner vergeben wurden.
Der Einzelhandel wurde ebenfalls umgekrempelt. Ketten wie Karstadt und Hertie, westdeutsche Unternehmen, kauften ostdeutsche Warenhäuser auf. Viele Standorte wurden geschlossen, um Marktbereinigung zu betreiben. In Erfurt und Leipzig verschwanden traditionsreiche Kaufhäuser, ersetzt durch westdeutsche Filialen. Bis 1995 waren 80 Prozent des ostdeutschen Einzelhandels in westdeutschen Händen. Dies führte zu einer Konzentration: Kleine Geschäfte schlossen, Arbeitsplätze halbierten sich in vielen Städten.
Die Automobilindustrie zeigt gemischte Ergebnisse, aber mit klaren Verlierern. Opel baute in Eisenach ein Werk auf, das 1992 eröffnete und 2000 Jobs schuf. Doch der Kauf des Wartburg-Werks führte zur Schließung der alten Produktion, 5000 Jobs gingen verloren. Volkswagen übernahm das Moskwitsch-Werk in Zwickau, investierte Milliarden, aber verlegte Teile der Wertschöpfung nach Wolfsburg. Heute arbeiten 10.000 in Zwickau, doch die Produktivität liegt bei 75 Prozent des Westniveaus. Tesla in Grünheide ist ein neueres Beispiel, aber es basiert auf westdeutschen und internationalen Investitionen, nicht auf ostdeutschem Kapital.
Diese Übernahmen haben langfristige wirtschaftliche Folgen. 35 Jahre nach der Einheit erreicht die Produktivität in Ostdeutschland 78 Prozent des Westniveaus, ohne Berlin nur 72 Prozent. Seit 2010 stagniert der Aufholprozess. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt in Ostdeutschland 30.000 Euro, im Westen 42.000 Euro. Investitionen liegen bei 70 Prozent des Westwerts, nach dem Boom 1995, als sie 50 Prozent höher waren. Beschäftigte in Ostdeutschland verdienen bei gleicher Qualifikation 14 Prozent weniger, bedingt durch geringere Tarifbindung. Nur 40 Prozent der ostdeutschen Arbeitnehmer sind tarifgebunden, im Westen 60 Prozent. Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld fehlen in vielen ostdeutschen Betrieben.
Die Arbeitslosigkeit bleibt höher: 7,5 Prozent in Ostdeutschland, 5,5 Prozent im Westen. Abwanderung verschärft das: Seit 1990 verließen 2 Millionen Menschen den Osten, vor allem Junge und Qualifizierte. In Mecklenburg-Vorpommern schrumpft die Bevölkerung um 15 Prozent. Die Erwerbsbeteiligung liegt bei 86 Prozent des Westniveaus. Große Konzerne fehlen: Kein DAX-Unternehmen hat seinen Sitz im Osten außer in Berlin. Zalando schloss 2026 seinen Standort in Erfurt, weitere 800 Jobs weg. Die Wirtschaft schrumpfte 2024 um 0,1 Prozent in Ostdeutschland, 2025 stagniert sie, 2026 wächst sie um 1,1 Prozent – langsamer als im Westen.
In der Fleischindustrie wiederholt sich das Muster. Tönnies, mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück, übernahm 2019 die Zur Mühlen Gruppe, zu der Eberswalder gehörte. Innerhalb von drei Jahren folgte die Schließung. Ähnlich bei Westfleisch, das ostdeutsche Schlachthöfe in Sachsen-Anhalt kaufte und rationalisierte, 300 Jobs streichend. Die Branche konsolidiert: Von 50 ostdeutschen Fleischbetrieben 1990 bleiben 15, meist Filialen westdeutscher Konzerne.
Der Bergbau und die Chemie leiden unter Strukturwandel. In der Lausitz schlossen Kohleminen, 20.000 Jobs weg seit 2010. Westdeutsche Energiekonzerne wie LEAG, kontrolliert von EPH, verzögern den Ausstieg, aber Investitionen fließen minimal. In Bitterfeld sanierten Bayer und Dow Chemical Altlasten, aber Produktion verlagerten sie teilweise. 5000 Jobs verschwanden seit 2000.
Aktuelle Fälle unterstreichen die Kontinuität. 2025 kaufte ein westdeutscher Investor das Glaswerk in Weißwasser, schloss es und verlegte die Produktion nach Bayern. 400 Jobs gingen verloren. In der IT-Branche übernahm SAP ostdeutsche Startups in Dresden, integrierte sie und entließ 200 Entwickler. Die Digitalisierung hinkt: Nur 60 Prozent der ostdeutschen Firmen sind digital vernetzt, im Westen 80 Prozent.
Förderprogramme mildern, aber beheben die Probleme nicht. Der Bund investiert 40 Milliarden Euro in Kohleregionen bis 2038, schafft 5000 Jobs. Doch 90 Prozent der Mittel finanzieren Infrastruktur, die westdeutsche Firmen nutzen. EU-Förderungen von 10 Milliarden Euro seit 2020 unterstützen Innovationen, aber ostdeutsche Unternehmen erhalten nur 30 Prozent der Patente Deutschlands.
Der Raubzug hat soziale Spuren hinterlassen. Armutsrisiko in Ostdeutschland: 18 Prozent, im Westen 14 Prozent. Renten sind 15 Prozent niedriger. Gesundheitssysteme leiden unter Abwanderung: In Thüringen fehlen 20 Prozent der Ärzte. Bildungsinvestitionen: Ostschulen erhalten 10 Prozent weniger pro Schüler.
Trotz Erfolgen – wie dem Tesla-Werk mit 12.000 Jobs – dominiert Abhängigkeit. Ostdeutschland produziert 12 Prozent des BIP, hat aber 20 Prozent der Bevölkerung. Der Aufholprozess stockt, da Kapital und Entscheidungen im Westen bleiben. Die Schließung von Eberswalder ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer Struktur, die seit 1990 anhält.
