Der Aus auf Raten: Die deutsche Automobilindustrie am Scheideweg

Durch | 25. September 2025

Die deutsche Automobilindustrie, lange Zeit Motor der Wirtschaft und Symbol nationaler Ingenieurskunst, erlebt einen schleichenden Niedergang, der von Experten und Beobachtern als „Aus auf Raten“ bezeichnet wird. Im Jahr 2025, einem angekündigten „Make-or-Break-Jahr“ für den Sektor, verschärfen sich die Herausforderungen durch den Übergang zur Elektromobilität, geopolitische Spannungen und interne Strukturdefizite. Während die Branche mit rund 770.000 Beschäftigten und einem Umsatz von über 500 Milliarden Euro immer noch ein Eckpfeiler der deutschen Exportwirtschaft darstellt, drohen massive Jobverluste, sinkende Wettbewerbsfähigkeit und drohende Strafzahlungen durch EU-CO2-Vorgaben. Prognosen deuten auf einen netto Abbau von bis zu 45.000 Arbeitsplätzen allein in diesem Jahr hin, was den Schrumpfungsprozess weiter beschleunigt.

Die Krise hat vielfältige Ursachen, die sich zu einem toxischen Mix verbinden. Zunächst der anhaltend schwache Absatzmarkt: Im Jahr 2024 sanken die Neuzulassungen in Deutschland auf 2,8 Millionen Einheiten – ein Viertel weniger als im Vorkrisenjahr 2019. Für 2025 rechnet der Verband der Automobilindustrie (VDA) mit einem minimalen Wachstum von nur einem Prozent auf rund 2,84 Millionen Zulassungen, was die Branche weiter unter Druck setzt. Besonders betroffen ist die Elektrofahrzeug-Transition: Nach dem abrupten Auslaufen der staatlichen Förderungen Ende 2023 brach der Absatz von batterieelektrischen Fahrzeugen (BEV) um 27 Prozent ein, auf einen Marktanteil von lediglich 13,5 Prozent. Dies steht im krassen Kontrast zu den ambitionierten Zielen der Bundesregierung, bis 2030 15 Millionen E-Autos auf den Straßen zu haben – derzeit zählen nur 1,65 Millionen BEVs zum Fuhrpark.

Ein zentraler Treiber des Niedergangs ist der globale Wettbewerb, insbesondere aus China. Hersteller wie BYD haben Volkswagen als Marktführer in China abgelöst und drängen mit subventionierten, günstigen E-Autos in Europa vor. Die EU reagierte im Oktober 2024 mit Zöllen auf chinesische Importe, was jedoch zu Ängsten vor Retaliationsmaßnahmen führt und den Export von deutschen Fahrzeugen nach China bedroht. Gleichzeitig verschärfen sich die US-Handelsspannungen: Nach dem Wahlsieg von Donald Trump im November 2024 drohen neue Zölle auf europäische Importe, was den wichtigsten Auslandsmarkt der Branche – die USA – unsicher macht. Insgesamt schrumpfte der Umsatz der deutschen Automobilindustrie 2024 um fünf Prozent auf 536 Milliarden Euro, begleitet vom Verlust von 19.000 Stellen – nur der Anfang eines „schmerzhaften, aber unabwendbaren Schrumpfungsprozesses“, wie EY-Analysten warnen.

Die EU-CO2-Flottenziele stellen die Branche vor eine weitere Zerreißprobe. Ab 2025 muss der Durchschnittsemissionen auf 93,6 Gramm CO2 pro Kilometer sinken, was einen BEV-Anteil von mindestens 23 Prozent und Plug-in-Hybride von acht Prozent erfordert. Ohne ausreichenden Absatz drohen Herstellern Strafzahlungen in Milliardenhöhe – Schätzungen gehen von bis zu 15 Milliarden Euro aus. Die Hersteller reagieren mit Preissenkungen, was jedoch die Gebrauchtwagenmärkte destabilisiert und Leasingfirmen in finanzielle Schieflage bringt. Gleichzeitig leiden die deutschen Konzerne unter hohen Energiekosten – viermal so hoch wie in China oder den USA – und bürokratischen Hürden, die laut einer Umfrage des Wettbewerbsindex 2025 den größten Standortnachteil darstellen, sogar vor Lohn- oder Energiepreisen.

Die Folgen für die Branche sind dramatisch. Volkswagen, der europäische Marktführer, plant Tausende Stellenstreichungen in Deutschland und eine umfassende Kostensenkung; BMW meldete im ersten Halbjahr 2025 einen Gewinneinbruch von über einem Viertel, Mercedes zielt auf Milliardeneinsparungen ab. Premiumhersteller wie Porsche und Audi sind ebenso betroffen wie Zulieferer, wo Firmen wie Sensopart mit Verlagerungen nach Indien und Südamerika reagieren, um Entlassungen zu vermeiden. Insgesamt prognostizieren Studien einen Verlust von 186.000 Jobs bis 2035 durch die EV-Umstellung, da Elektroproduktion weniger Arbeitskräfte benötigt als Verbrennermotoren. Die Wettbewerbsfähigkeit sinkt: Der Index für die Automobilbranche fiel 2025 auf 7 Punkte – den schwächsten Wert aller Industriebranchen. Viele Unternehmen verlagern Produktion, Forschung und Entwicklung ins Ausland; 61 Prozent haben dies bereits getan.

Sozial und wirtschaftlich wirkt sich der Niedergang wie ein Dominoeffekt aus. Regionen wie Wolfsburg, wo Volkswagen die Stadt prägt, oder Baden-Württemberg stehen vor einer „menschlichen Katastrophe“ mit Hunderttausenden betroffenen Familien. Die gesamte Wertschöpfungskette – von Stahl bis Logistik – gerät ins Wanken, und die deutsche Wirtschaft, die 2025 weiter in Rezession steckt, spürt den Sog. Experten wie Ferdinand Dudenhöffer vom Center for Automotive Research kritisieren die Politik für widersprüchliche Signale: Mal Förderung für E-Autos, mal Plädoyer für Verbrenner, was Verbraucher verunsichert. Der VDA fordert mehr Planungssicherheit, Ausbau der Ladeinfrastruktur und klare Regeln für Ladestationen. Oppositionsparteien wie CSU schlagen eine Rückkehr zu 3.600-Euro-Förderungen vor, während die Ampel-Koalition EU-weite Unterstützung anstrebt.

Trotz des düsteren Bildes gibt es Ansätze für eine Wende. Die Produktion von BEVs in Deutschland erreichte im ersten Halbjahr 2025 einen Rekord mit 635.000 Einheiten, und Prognosen sehen für das Gesamtjahr ein Plus von 75 Prozent bei E-Auto-Zulassungen durch die CO2-Druckwelle. Fortschritte bei Feststoffbatterien könnten Ende der Dekade neue Chancen eröffnen. Der VDA erwartet ein Exportwachstum von zwei Prozent auf 3,2 Millionen Fahrzeuge, und 39 Prozent der Unternehmen investieren in Digitalisierung und Automatisierung. Dennoch bleibt die Branche in einer „kritischen Phase“, die zwei bis drei Jahre andauern könnte – ohne Mut und Fantasie, wie Stefan Bratzel warnt, droht der Verlust des globalen Vorreiterstatus.

Der „Aus auf Raten“ ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis verspäteter Anpassungen und fehlender politischer Entlastung. Die deutsche Automobilindustrie muss radikal umdenken: Von der Tradition des Verbrenners zur agilen EV- und Software-Produktion, von hohen Kosten zu effizienten Lieferketten. Ob 2025 der Wendepunkt wird, hängt von Kooperation zwischen Industrie, Politik und Arbeitnehmern ab. Andernfalls könnte der Sektor, der Deutschland geprägt hat, zu einem Mahnmal des Scheiterns werden – ein langsamer, aber unaufhaltsamer Verfall in der globalen Arena.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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