J.D. Vance, seit Januar 2025 Vizepräsident der Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump, ist eine zentrale Figur in der aktuellen amerikanischen Politik. Bekannt geworden durch seine Autobiografie Hillbilly Elegy und seinen Aufstieg vom Senator von Ohio (2023–2025) zum Vizepräsidenten, hat Vance eine bemerkenswerte politische Transformation durchlaufen. Seine geopolitischen Kenntnisse und sein ideologischer Wandel von einem Trump-Kritiker zu einem Verfechter der „America First“-Doktrin werfen Fragen auf, wie seine begrenzte außenpolitische Erfahrung und sein populistischer Nationalismus die Entscheidungsfindung der USA beeinflussen könnten. Dieser Artikel analysiert Vances geopolitisches Profil, seine ideologischen Beweggründe und die potenziellen Risiken von Fehlentscheidungen, die für die USA fatale Folgen haben könnten.
Begrenzte geopolitische Kenntnisse
J.D. Vance verfügt über eine solide akademische Ausbildung, darunter einen Bachelor in Politikwissenschaft und Philosophie an der Ohio State University (Summa cum laude, 2009) und einen Juris Doctor von der Yale Law School (2013). Dennoch ist seine praktische Erfahrung in geopolitischen Fragen begrenzt. Vor seiner politischen Karriere war Vance vor allem als Autor, Venture-Kapitalist und Anwalt tätig, mit Stationen bei der Investmentfirma von Peter Thiel und der Anwaltskanzlei Sidley Austin LLP. Seine kurze Zeit als Senator (2023–2025) bot ihm zwar Einblicke in außenpolitische Themen, etwa durch seine Teilnahme an der Münchner Sicherheitskonferenz, doch fehlt ihm die langjährige Erfahrung in internationalen Beziehungen, die für eine fundierte geopolitische Analyse erforderlich ist.
Vances geopolitisches Verständnis scheint stark von seiner „America First“-Ideologie geprägt, die nationale Interessen über multilaterale Zusammenarbeit stellt. Seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 zeigt dies deutlich: Statt sich auf traditionelle geopolitische Themen wie die Ukraine oder die NATO zu konzentrieren, kritisierte er Europas vermeintlichen „Verlust demokratischer Werte“ und forderte mehr Eigenverantwortung in der Verteidigung. Diese Haltung spiegelt ein vereinfachtes Weltbild wider, das globale Interdependenzen und die Bedeutung langfristiger Allianzen herunterspielt. Seine Skepsis gegenüber multilateralen Engagements, insbesondere der Unterstützung für die Ukraine, zeigt ein mangelndes Verständnis für die strategischen Implikationen einer geschwächten transatlantischen Partnerschaft.
Ein weiteres Beispiel ist seine Haltung zur Ukraine. Vance hat wiederholt die amerikanische Unterstützung für Kiew kritisiert und den Konflikt als „Stellvertreterkrieg“ bezeichnet, der den Interessen der USA nicht diene. Sein Streit mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus am 28. Februar 2025, bei dem er Selenskyj Undankbarkeit vorwarf, unterstreicht seine Neigung, außenpolitische Fragen auf persönliche und nationale Prioritäten zu reduzieren, anstatt sie im Kontext globaler Sicherheit zu betrachten. Diese Haltung könnte die Position der USA als verlässlicher Partner schwächen und autoritäre Akteure wie Russland ermutigen.
Ideologischer Wandel und Postliberalismus
Vances ideologischer Wandel ist ein zentraler Aspekt seiner politischen Persönlichkeit. 2016 bezeichnete er Donald Trump als „inakzeptabel“, „Idiot“ und „kulturelles Heroin“, doch nach seiner Kandidatur für den Senat 2022 wurde er ein überzeugter Unterstützer Trumps. Diese Kehrtwende wird oft als opportunistisch kritisiert, da sie mit seiner politischen Karriereplanung und der Unterstützung durch einflussreiche Figuren wie Peter Thiel zusammenfällt. Sein Aufstieg zum Vizepräsidenten, gefördert durch Netzwerke im Silicon Valley und konservative Think Tanks wie das Claremont Institute, zeigt, dass Vance seine Positionen an die Machtstrukturen der Trump-Bewegung angepasst hat.
Vance beschreibt sich selbst als „Postliberalen“, eine Ideologie, die sich gegen den Liberalismus wendet und eine Rückkehr zu traditionellen, christlich geprägten Werten fordert. Sein Konzept des ordo amoris, das er 2025 auf der Plattform X erwähnte, verweist auf eine Hierarchie der Liebe, die Familie, Nachbarschaft und Nation über Fremde stellt. Dieses Konzept, inspiriert von Augustinus und Thomas von Aquin, wird von konservativen Theologen wie C.C. Pecknold als Gegensatz zum liberalen Individualismus gefeiert, birgt jedoch die Gefahr eines exklusiven Nationalismus. Vance’s völkisches Verständnis von Identität, das die amerikanische Staatsbürgerschaft nicht durch Werte, sondern durch „gemeinsame Geschichte“ definiert, steht im Widerspruch zur traditionellen US-amerikanischen Vorstellung einer wertebasierten Nation (jus soli).
Sein postliberales Denken, beeinflusst von Figuren wie Curtis Yarvin, der eine hyperkapitalistische Monarchie befürwortet, zeigt eine Radikalisierung, die über Trumps Populismus hinausgeht. Diese Ideologie könnte Vance dazu verleiten, geopolitische Entscheidungen auf ideologische Vorstellungen statt auf pragmatische Analysen zu stützen, was die Komplexität internationaler Beziehungen unterschätzt.
Bildungsdefizite und Einfluss der Internetkultur
Trotz seiner akademischen Qualifikationen zeigt Vance eine Neigung, geopolitische Fragen durch die Linse der Internetkultur und populistischer Rhetorik zu betrachten. Seine Affinität zu sozialen Medien wie X, wo er oft polemische Beiträge veröffentlicht, und seine Auftritte in rechtsextremen Podcasts deuten auf eine Orientierung an Online-Diskursen statt an fundierten außenpolitischen Analysen. Beispielsweise verbreitete er unbelegte Behauptungen über Einwanderer, die Haustiere essen, und unterstützte Narrative über Korruption in der Ukraine, die laut BBC ihren Ursprung in russischer Desinformation haben. Diese Tendenz, vereinfachte Narrative zu übernehmen, könnte seine Fähigkeit einschränken, komplexe geopolitische Herausforderungen wie den Umgang mit China oder den Nahost-Konflikt zu bewältigen.
Seine begrenzte praktische Erfahrung in der Außenpolitik verstärkt dieses Problem. Während erfahrene Politiker wie Marco Rubio auf jahrelange Arbeit in außenpolitischen Ausschüssen zurückgreifen können, fehlt Vance diese Tiefe. Seine Teilnahme an der Münchner Sicherheitskonferenz als Senator war eine Ausnahme, doch seine Reden dort konzentrierten sich eher auf ideologische Angriffe als auf substanzielle geopolitische Vorschläge.
Geopolitische Risiken und Fehlentscheidungen
Die Kombination aus Vances begrenzten geopolitischen Kenntnissen, seinem ideologischen Eifer und seiner Anpassung an Trumps Agenda birgt erhebliche Risiken für die USA. Erstens droht seine isolationistische Haltung, bestehende Bündnisse zu schwächen. Seine Forderung nach europäischer Eigenverantwortung und seine Kritik an der NATO könnten die transatlantische Zusammenarbeit untergraben, insbesondere in einer Zeit, in der Russland und China ihre Einflusssphären ausbauen. Seine Ablehnung der Unterstützung für die Ukraine könnte zudem autoritäre Regime ermutigen, da sie signalisiert, dass die USA ihre Verpflichtungen gegenüber Verbündeten nicht ernst nehmen.
Zweitens erhöht Vances ideologischer Nationalismus das Risiko von Fehlentscheidungen. Sein Fokus auf „America First“ und sein völkisches Verständnis von Identität könnten die USA von einer wertebasierten zu einer ethnisch-nationalistischen Außenpolitik führen, die internationale Partner entfremdet. Seine Unterstützung für Trumps Vorschläge, wie die Übernahme Grönlands oder die Anerkennung der Krim-Annexion, zeigt eine Bereitschaft, geopolitisch riskante und völkerrechtlich fragwürdige Maßnahmen zu befürworten.
Drittens könnte Vances Einfluss durch seine Nähe zu einflussreichen Akteuren wie Peter Thiel und konservativen Think Tanks wie dem Claremont Institute die Außenpolitik der USA in eine radikale Richtung lenken. Seine Unterstützung für protektionistische Maßnahmen und die Ablehnung multilateraler Abkommen könnten die globale wirtschaftliche Stabilität gefährden, insbesondere im Handelskrieg mit China.
Fazit
J.D. Vance bringt intellektuelles Potenzial und eine klare ideologische Vision in seine Rolle als Vizepräsident ein, doch seine begrenzten geopolitischen Kenntnisse und sein postliberaler Nationalismus bergen erhebliche Risiken. Seine kurze politische Karriere, gepaart mit seiner Neigung, ideologische Narrative über pragmatische Analysen zu stellen, könnte zu Fehlentscheidungen führen, die die globale Stellung der USA schwächen. Seine Ablehnung multilateraler Engagements und seine Fokussierung auf nationale Interessen drohen, Bündnisse wie die NATO zu destabilisieren und autoritäre Akteure zu ermutigen. Während Vance als Symbolfigur einer neuen, populistischen Rechten beeindruckt, fehlt ihm die außenpolitische Erfahrung, um komplexe globale Herausforderungen zu meistern. Die USA stehen vor der Herausforderung, die impulsiven Tendenzen der Trump-Administration durch erfahrene Berater zu balancieren – eine Rolle, die Vance aufgrund seiner ideologischen Verankerung und mangelnden Expertise nur begrenzt ausfüllen kann.
