Japan: Nach Jahrzehnten der Deflation treibt Lohnwachstum dauerhafte Inflation an

Durch | 1. Oktober 2025

Nach fast drei Jahrzehnten der Deflation erlebt Japan seit 2022 eine anhaltende Preissteigerung, die Experten als potenziellen Wendepunkt für die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt werten. Eine Analyse des Kreditversicherers Coface zeigt, dass die Inflation, ursprünglich durch externe Faktoren wie steigende Rohstoffpreise und einen schwachen Yen ausgelöst, zunehmend von innenwirtschaftlichen Kräften getragen wird. Steigende Löhne und höhere Dienstleistungspreise fördern die Binnennachfrage und deuten auf eine nachhaltige Veränderung der wirtschaftlichen Dynamik hin. Die Frage bleibt, ob Japan den Übergang zu einem dauerhaften Preiswachstum erfolgreich gestalten kann.

Vom Deflationsdruck zur Bilanzrezession

Die Wurzeln der jahrzehntelangen Deflation liegen im Platzen der Spekulationsblase Anfang der 1990er Jahre, als Immobilien- und Aktienwerte drastisch einbrachen. Dies führte zu einer sogenannten Bilanzrezession, in der Haushalte und Unternehmen ihre hohen Schuldenlasten priorisierten und Konsum sowie Investitionen zurückfuhren. Der allgemeine Rückgang des Preisniveaus wurde zum Kennzeichen der japanischen Wirtschaft, wobei vereinzelte Inflationsschübe meist durch externe Schocks wie Ölpreissteigerungen oder Steuererhöhungen verursacht und nicht nachhaltig waren. Die Binnenwirtschaft konnte lange Zeit keine eigenständigen Impulse für ein stabiles Preiswachstum setzen, was die Bank of Japan (BoJ) vor große Herausforderungen stellte.

Wandel seit 2022: Von Kosten- zu Nachfrageinflation

Seit 2022 liegt die Inflation in Japan konstant über dem 2-Prozent-Ziel der BoJ, zunächst getrieben durch höhere Importkosten und die Abwertung des Yen, die die Preise für Energie und Rohstoffe in die Höhe trieben. Inzwischen hat sich die Dynamik jedoch verändert: Die Inflation wird zunehmend von der Binnennachfrage gestützt. Dienstleistungsunternehmen, die lange unter Margendruck litten, geben gestiegene Kosten nun vermehrt an Verbraucher weiter, was die Preise im Dienstleistungssektor ansteigen lässt. Diese Entwicklung markiert einen Übergang von einer rein kostengetriebenen zu einer nachfragegetriebenen Inflation.

Ein entscheidender Faktor ist der Arbeitsmarkt. Strukturelle Engpässe, bedingt durch eine alternde Bevölkerung und Arbeitskräftemangel, haben den Gewerkschaften in den Jahren 2023 bis 2025 deutliche Lohnsteigerungen ermöglicht: 3,6 Prozent im Jahr 2023, 5,1 Prozent im Jahr 2024 und 5,3 Prozent im Jahr 2025 – die höchsten Werte seit über drei Jahrzehnten. Diese Lohnzuwächse stärken die Kaufkraft der Haushalte und kurbeln die Binnennachfrage an, was wiederum die Preisentwicklung antreibt. Die Gewerkschaften haben dabei einen Paradigmenwechsel vollzogen, indem sie den Fokus von der Sicherung von Arbeitsplätzen hin zu einer stärkeren Betonung angemessener Löhne verlagert haben.

Herausforderungen und Perspektiven

Die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Inflation ist für Japan ein zweischneidiges Schwert. Einerseits könnte sie die Wirtschaft aus der Deflationsspirale befreien, die lange Zeit Wachstum und Investitionen bremste. Andererseits birgt die Umstellung Risiken, da Unternehmen und Verbraucher an niedrige Preise gewöhnt sind. Die Bank of Japan steht vor der Aufgabe, die Geldpolitik behutsam anzupassen, um die Inflation zu stabilisieren, ohne die Erholung zu gefährden. Nach Jahren ultralockerer Geldpolitik hat die BoJ 2024 erste Zinserhöhungen vorgenommen, bleibt jedoch vorsichtig, um den schwachen Yen nicht weiter zu belasten.

Die Coface-Analyse betont, dass der Erfolg dieser Transformation von der Fähigkeit abhängt, die Lohn-Preis-Dynamik aufrechtzuerhalten, ohne die Wettbewerbsfähigkeit der exportabhängigen Wirtschaft zu beeinträchtigen. Zudem könnten geopolitische Unsicherheiten und Schwankungen bei Rohstoffpreisen die Fortschritte gefährden. Dennoch sehen Experten in den aktuellen Entwicklungen ein Zeichen dafür, dass Japan an einem Wendepunkt steht. Sollte die Binnenwirtschaft weiter an Dynamik gewinnen, könnte dies nicht nur die Deflationsmentalität überwinden, sondern auch das Vertrauen in die Zukunft der japanischen Wirtschaft stärken.

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