Kinder, die in stark benachteiligten Stadtteilen der USA leben, haben ein bis zu 20-fach höheres Risiko, durch Schusswaffenverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, als Kinder in wohlhabenden Gegenden. Dies zeigt eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift Pediatrics unter dem Titel Pediatric Firearm-Related Hospital Encounters by Child Opportunity Index Level veröffentlicht wurde. Die Untersuchung deckt zudem auf, dass die Mehrheit der Krankenhausaufenthalte bei Kindern unter 18 Jahren auf unbeabsichtigte Schüsse zurückzuführen ist, die durch unsachgemäßen Umgang oder versehentliche Schussabgaben verursacht werden. Angesichts der Tatsache, dass Schusswaffenverletzungen die häufigste Todesursache bei Kindern in den USA sind, unterstreicht die Studie die dringende Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen in besonders betroffenen Stadtteilen.
Hintergrund: Schusswaffenverletzungen als führende Todesursache
In den USA sind Schusswaffenverletzungen seit 2019 die häufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 19 Jahren, noch vor Verkehrsunfällen. Jährlich sterben etwa 4.300 Kinder und Jugendliche an Schusswaffen, und über 17.000 weitere erleiden nicht-tödliche Verletzungen. Besonders alarmierend ist die hohe Zahl unbeabsichtigter Schüsse, die oft durch unsichere Lagerung von Waffen in Haushalten verursacht werden. Etwa 4,6 Millionen Kinder leben in Haushalten mit ungesicherten, geladenen Schusswaffen, was das Risiko für Unfälle erheblich erhöht. Die Studie ist die erste, die den Zusammenhang zwischen den Lebensbedingungen in einem Stadtteil und dem Risiko für Schusswaffenverletzungen bei Kindern über mehrere Bundesstaaten hinweg untersucht.
Methodik der Studie
Die Forscher analysierten Krankenhausentlassungsdaten von fast 7.000 Schusswaffenverletzungen bei Kindern im Alter von 0 bis 17 Jahren in den Jahren 2016 bis 2021 in den Bundesstaaten Florida, Maryland, New York und Wisconsin. Diese Daten wurden mit dem Child Opportunity Index (COI) verknüpft, einem Indikator, der Stadtteile anhand von Bildungs-, Gesundheits- und sozioökonomischen Faktoren von „sehr niedriger“ bis „sehr hoher“ Chance einstuft. Dies ermöglichte die Identifizierung von „Hotspots“ für Schusswaffenverletzungen und die Analyse, wie stark das Risiko je nach Stadtteil variiert.
Ergebnisse: Starke regionale und soziale Disparitäten
Die Studie zeigt, dass 28 Prozent der Postleitzahlen in Stadtteilen mit sehr niedrigen Chancen Hotspots für Schusswaffenverletzungen bei Kindern waren, verglichen mit nur 5 Prozent in Stadtteilen mit sehr hohen Chancen. In Maryland war das Risiko für Kinder in benachteiligten Stadtteilen mehr als 20-mal höher, in Wisconsin fast 19-mal, in New York 16-mal und in Florida 8-mal höher als in wohlhabenden Gegenden. Unbeabsichtigte Schüsse machten 57 bis 63 Prozent der Krankenhausaufenthalte aus, gefolgt von Übergriffen (32 bis 39 Prozent) und selbst zugefügten Verletzungen (1 bis 7 Prozent). In wohlhabenderen Stadtteilen waren Kinder seltener verletzt, aber das Risiko, bei einer Verletzung zu sterben, war mehr als doppelt so hoch, was teilweise auf eine höhere Prävalenz selbst zugefügter Verletzungen zurückzuführen ist.
Präventionsansätze und Herausforderungen
Die Forscher betonen, dass die hohe Zahl unbeabsichtigter Verletzungen auf mangelnde Sicherheitsmaßnahmen bei der Lagerung von Schusswaffen zurückzuführen ist. Etwa 74 Prozent der Waffen, die bei unbeabsichtigten Schüssen von Kindern verwendet wurden, waren geladen, und 76 Prozent waren unverschlossen gelagert. Gesetze zur Verhinderung des Zugangs von Kindern zu Schusswaffen (Child Access Prevention Laws), die sichere Lagerung vorschreiben, haben bereits gezeigt, dass sie unbeabsichtigte Verletzungen und Suizide bei Kindern reduzieren können. Die Studie fordert verstärkte Aufklärung über sichere Lagerung und die Implementierung solcher Gesetze in besonders betroffenen Stadtteilen. Krankenhäuser in benachteiligten Gebieten sollten zudem auf höhere Fallzahlen vorbereitet sein und entsprechende Ressourcen bereitstellen.
Die Untersuchung weist jedoch Einschränkungen auf: Sie berücksichtigt nur Kinder, die in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, und schließt jene aus, die vor Ort starben oder keine medizinische Hilfe suchten. Dies deutet darauf hin, dass die tatsächliche Belastung durch Schusswaffenverletzungen noch höher sein könnte.
Bedeutung für die öffentliche Gesundheit
Die Ergebnisse verdeutlichen, wie stark sozioökonomische Faktoren das Risiko für Schusswaffenverletzungen bei Kindern beeinflussen. Benachteiligte Stadtteile, die oft von Armut, eingeschränktem Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung geprägt sind, tragen eine unverhältnismäßig hohe Last. Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes, der sowohl politische Maßnahmen als auch gemeinschaftsbasierte Initiativen umfasst. Experten fordern, dass Gesundheitssysteme, politische Entscheidungsträger und Gemeinden zusammenarbeiten, um Präventionsstrategien wie sichere Waffenlagerung und Aufklärungskampagnen zu stärken. Angesichts der Tatsache, dass Schusswaffenverletzungen weiterhin die führende Todesursache bei US-Kindern sind, bleibt die Dringlichkeit solcher Maßnahmen unbestritten.
