Krankheit wird 2024 häufigste Ursache privater Überschuldung in Deutschland

Durch | 9. Juli 2025

Krankheit, Sucht oder Unfall haben im Jahr 2024 erstmals die Arbeitslosigkeit als häufigste Ursache privater Überschuldung in Deutschland abgelöst. Laut einer aktuellen Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts (DESTATIS) lag der Anteil dieser Faktoren bei 18,1 Prozent, während Arbeitslosigkeit mit 17,4 Prozent auf den zweiten Platz rückte. Experten der Universität Witten/Herdecke werten dies als alarmierendes Signal und fordern dringend mehr Forschung sowie gezielte Präventionsmaßnahmen, um Betroffene vor den finanziellen Folgen schwerer Erkrankungen zu schützen. Die Zahlen verdeutlichen eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung, die Gesundheitswesen, Politik und Wissenschaft gleichermaßen in die Pflicht nimmt.

Die Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass schwere Erkrankungen viele Menschen nicht nur gesundheitlich, sondern auch finanziell in Bedrängnis bringen. „Eine schwere Krankheit trifft viele Menschen doppelt: gesundheitlich und finanziell“, sagt Prof. Dr. Eva Münster, Inhaberin der Professur für Allgemeinmedizinische Versorgungsforschung in vulnerablen Bevölkerungsgruppen am Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung der Universität Witten/Herdecke. „Die damit verbundene finanzielle Belastung wird bisher viel zu wenig wahrgenommen – in der Forschung, in der Versorgung und in der Politik.“ Einkommensausfälle durch lange Krankheitszeiten, laufende Kreditzahlungen und hohe Zuzahlungen für Medikamente oder Rehabilitationsmaßnahmen treiben viele Betroffene in die Schuldenfalle. Das Spektrum der Erkrankungen ist vielfältig und umfasst orthopädische Probleme wie Bandscheibenvorfälle, psychische Erkrankungen wie Depressionen sowie schwerwiegende Diagnosen wie Krebs oder Herzinfarkt.

Die Forschung zu diesem Thema steht noch am Anfang. „Wir wissen, dass Krankheit zur Überschuldung führen kann – aber wir wissen viel zu wenig darüber, wie genau das passiert“, betont Münster. Zwar wird die Kategorie „Krankheit, Sucht oder Unfall“ in der Überschuldungsstatistik erfasst, doch fehlen detaillierte Erkenntnisse über die zugrunde liegenden Mechanismen. Welche Rolle spielen spezifische Diagnosen? Wie wirken sich psychische Erkrankungen, soziale Stigmatisierung oder digitale Konsummuster aus? Diese Fragen bleiben weitgehend unbeantwortet, da die wissenschaftliche Aufarbeitung bislang unzureichend ist. Besonders problematisch ist die mangelnde Differenzierung bei Suchterkrankungen, die in der Statistik nicht gesondert ausgewiesen werden. Dies führt dazu, dass Sucht als Faktor unsichtbar bleibt und gesellschaftliche Vorurteile verstärkt werden können.

Um diesem Manko entgegenzuwirken, hat die Universität Witten/Herdecke die Nachwuchswissenschaftlerin Neele Kufeld beauftragt, den Zusammenhang zwischen Suchterkrankungen und Überschuldung systematisch zu untersuchen. Mit ihrer Expertise in Psychologie und Medizin soll Kufeld evidenzbasierte Erkenntnisse liefern, die als Grundlage für zukünftige Präventionsstrategien dienen können. „Wir brauchen nicht mehr Reaktion, sondern zielgenauere Forschung und darauf aufbauende evidente Präventionsmaßnahmen“, erklärt Münster. „Wer eine schwerwiegende Diagnose erhält, muss frühzeitig auch über finanzielle Risiken aufgeklärt und unterstützt werden.“ Konkrete Ansätze, wie und wann solche Unterstützung erfolgen soll, müssen jedoch noch entwickelt werden.

Die Universität Witten/Herdecke sieht in den aktuellen Entwicklungen eine dringende Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Die Verknüpfung von Gesundheit und finanzieller Stabilität erfordert ein Umdenken in Politik und Gesundheitswesen. Ohne gezielte Prävention und fundierte Forschung wird das Problem der krankheitsbedingten Überschuldung nicht nur einzelne Betroffene, sondern die gesamte Gesellschaft weiter belasten. Die Experten betonen, dass nur durch frühzeitige Aufklärung und präventive Maßnahmen verhindert werden kann, dass immer mehr Menschen durch gesundheitliche Krisen in finanzielle Not geraten.

Autoren-Avatar
LabNews Media LLC
LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände