Der Politikwissenschaftler Seungho Lee von der Jeonbuk National University hat ein zweistufiges Entscheidungsmodell entwickelt, das erklärt, warum die fünf wichtigsten lithiumproduzierenden Länder Lateinamerikas trotz ähnlicher externer Anreize völlig unterschiedliche Strategien im Ressourcennationalismus verfolgen. Die Studie wurde in The Extractive Industries and Society veröffentlicht.
Lithium ist aufgrund seines Einsatzes in Elektrofahrzeug-Batterien und Energiespeichern zum strategisch wichtigsten Rohstoff des Jahrzehnts geworden. Die globale Nachfrage soll sich bis 2030 mindestens versiebenfachen. Chile, Argentinien, Brasilien, Bolivien und Mexiko verfügen zusammen über mehr als 60 Prozent der weltweiter bekannten Vorräte. Trotz dieses gemeinsamen Potenzials und vergleichbarer geopolitischer Druckfaktoren (hohe Rohstoffpreise, Lieferkettenunsicherheit, Konkurrenz zwischen USA und China) haben die Länder höchst unterschiedliche Governance-Modelle gewählt:
- Chile kombiniert private Investitionen mit starker staatlicher Kontrolle,
- Argentinien und Brasilien setzen auf dezentralisierte, marktorientierte Ansätze,
- Bolivien verfolgt ein radikales staatlich gelenktes Modell mit hohem Steuerbelastung,
- Mexiko hat 2023 die Lithiumförderung rhetorisch verstaatlicht, lässt aber bisher kaum konkrete Umsetzung erkennen.
Das von Lee entwickelte zweistufige Modell erklärt diese Divergenz:
- Erste Stufe (externe Einflüsse): Globale Rohstoffpreiszyklen und strategische Konkurrenz erzeugen Druck und Gelegenheiten für staatliches Eingreifen. Dieser Effekt wird jedoch durch den Reifegrad der nationalen Lithiumindustrie gefiltert. Länder mit bereits entwickelter Industrie (Chile, Argentinien) können leichter auf bestehende private Strukturen zurückgreifen, während Länder mit noch unreifer Industrie (Bolivien, Mexiko) eher zu radikalen Verstaatlichungen neigen.
- Zweite Stufe (innere Politik): Die tatsächliche Ausgestaltung der Politik wird durch die jeweiligen politischen Settlements bestimmt – also durch die informellen Machtverteilungen zwischen Regierung, Provinzen, Unternehmen und indigenen Gruppen. Diese Settlements legen fest, wie weit und in welcher Form der Staat tatsächlich eingreift.
Die Analyse zeigt, dass weder reine Marktlogik noch ideologische Rhetorik ausreichen, um die Unterschiede zu erklären. Vielmehr entstehen die konkreten Governance-Modelle aus dem Zusammenspiel von globalen Chancenfenstern und nationalen Machtstrukturen.
Die Ergebnisse haben praktische Bedeutung für internationale Akteure: Multinationale Konzerne und ausländische Regierungen müssen ihre Engagement-Strategien an den jeweiligen Reifegrad der Industrie und an die spezifischen politischen Settlements anpassen – sowohl auf nationaler als auch auf subnationaler Ebene. Ein Einheitsansatz für das gesamte „Lithium-Dreieck“ ist nach dieser Studie zum Scheitern verurteilt.
Lee betont, dass die geografische Konzentration der Lithiumvorräte und die weiter steigende globale Nachfrage die strategische Bedeutung des Themas weiter erhöhen werden. Sein Modell bietet einen analytischen Rahmen, um zukünftige Entwicklungen in anderen rohstoffreichen Regionen vorherzusagen.
Quelle: Lee S. What Explains Variants in Resource Nationalism in Latin America’s Lithium Industry? The Extractive Industries and Society. 2025;24:101697. doi:10.1016/j.exis.2025.101697
