OpenAI, der Entwickler von ChatGPT, steht vor einer bedeutenden Umstrukturierung, die eine neue Ära für das Unternehmen einleiten könnte. Mit der Ernennung von Fidji Simo zur CEO of Applications, die in dieser Woche ihre Arbeit aufnahm, verlagert sich die Machtverteilung innerhalb des Unternehmens deutlich. Simo, ehemalige CEO von Instacart, soll die operative Führung eines Großteils der rund 3.000 Mitarbeiter übernehmen und das Unternehmen von einem chaotischen, unprofitablen Startup in einen disziplinierten, börsennotierten Technologieriesen verwandeln.
Fidji Simos Rolle und Aufgaben
Fidji Simo, die zuvor eine Dekade bei Meta (ehemals Facebook) verbrachte und dort die Entwicklung der Facebook-App leitete, bringt umfangreiche Erfahrung in der Skalierung von Technologieunternehmen mit. Ihre Ernennung zur Leiterin der neu geschaffenen Abteilung „Applications“ signalisiert OpenAIs Wende hin zu einer stärker kommerzialisierten und nutzerorientierten Strategie. Simo wird voraussichtlich die Teams für Betrieb, Finanzen, Produktentwicklung, Marketing, Politik, Recht und Personal leiten, darunter Führungskräfte wie COO Brad Lightcap, CFO Sarah Friar und CPO Kevin Weil. Obwohl die genauen Berichtslinien noch nicht finalisiert sind, ist klar, dass Simo eine zentrale Rolle bei der Skalierung von OpenAIs Konsumentenprodukten wie ChatGPT übernehmen wird, das mittlerweile über 500 Millionen wöchentliche Nutzer hat.
Ihre Aufgabe ist ambitioniert: OpenAI, das 2024 trotz 3,7 Milliarden US-Dollar Umsatz Verluste von etwa 5 Milliarden US-Dollar verzeichnete, soll profitabel werden. Prognosen zufolge strebt das Unternehmen 2025 Einnahmen von 12,7 Milliarden US-Dollar an, unter anderem durch neue Abonnementdienste wie die 200-Dollar-pro-Monat-Pro-Version von ChatGPT mit Zugang zu erweiterten Funktionen wie Deep Research. Simos Erfahrung in der Monetarisierung von Nutzerplattformen, insbesondere durch Werbung bei Meta, könnte entscheidend sein, um Einnahmequellen wie Affiliate-Links in ChatGPT-Suchergebnissen einzuführen, die Gerüchten zufolge bereits diesen Herbst starten könnten.
Sam Altmans strategischer Rückzug
Die Ernennung Simos unterstreicht eine strategische Neuorientierung von OpenAI-CEO Sam Altman. Altman, der das Unternehmen seit seiner Gründung 2015 prägt, scheint die tägliche operative Führung abgeben zu wollen, um sich auf langfristige Projekte wie Forschung, Recheninfrastruktur und KI-Sicherheit zu konzentrieren. Zu seinen ambitionierten Vorhaben gehören Initiativen wie das Stargate-Projekt, ein 500-Milliarden-Dollar-Joint-Venture mit Oracle, SoftBank und MGX zur Entwicklung von KI-Infrastruktur, sowie mögliche Kooperationen in Bereichen wie Kernfusion und Chipproduktion. Diese Neuausrichtung deutet darauf hin, dass Altman sich zunehmend von der operativen Leitung zurückzieht, möglicherweise als Vorbereitung für einen späteren Rücktritt oder eine Fokussierung auf visionäre Projekte wie die Entwicklung von Superintelligenz.
Altman selbst betonte Simos „außergewöhnliche“ Fähigkeiten und ihren „tiefen Einsatz“ für die Mission von OpenAI. Ihre einjährige Tätigkeit im Aufsichtsrat des Unternehmens seit März 2024 habe bereits bedeutende Beiträge geleistet. Simos Ernennung fällt in eine Phase erhöhter interner Turbulenzen, darunter der Weggang von Schlüsselfiguren wie der Chief People Officer Julia Villagra und früherer KI-Sicherheitsforscher im Jahr 2024, was Fragen zur Stabilität der Führungsebene aufwirft.
Simos Vision und Hintergrund
Fidji Simo, die aus einer Fischerfamilie in Sète, Frankreich, stammt, hat eine beeindruckende Karriere hinter sich. Nach ihrem Abschluss an der HEC Paris und einem Semester an der UCLA trat sie 2006 bei eBay ein, bevor sie 2011 zu Meta wechselte. Dort stieg sie zur Leiterin der Facebook-App auf und trieb die Monetarisierung durch Werbung und die Einführung von Funktionen wie Facebook Live voran. Als CEO von Instacart führte sie das Unternehmen 2023 erfolgreich an die Börse, trotz eines schwierigen Marktumfelds. Ihre Ernennung bei OpenAI wird als Zeichen für die Ambition des Unternehmens gesehen, KI-Technologien wie ChatGPT zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Alltags zu machen, ähnlich wie Suchmaschinen oder Smartphones.
In einer internen Notiz vom Juli 2025 skizzierte Simo ihre Vision, KI als „größten Motor für Chancen“ zu nutzen, indem sie Wissen, Gesundheit, kreativen Ausdruck, wirtschaftliche Freiheit, Zeit und emotionale Unterstützung fördert. Sie betonte, dass KI personalisierte Bildung und Gesundheitslösungen ermöglichen könne, aber auch warnte, dass die Technologie bewusst gestaltet werden müsse, um eine Konzentration von Macht und Reichtum zu verhindern. Ihre Erfahrungen mit einer chronischen Krankheit prägen ihre Überzeugung, dass KI das Gesundheitssystem verbessern kann, etwa durch präzisere Diagnosen und personalisierte Betreuung.
Herausforderungen und Kritik
Simos Aufgabe wird nicht einfach sein. OpenAI steht vor finanziellen Herausforderungen, da die Entwicklung von KI-Modellen wie GPT-5 und Projekten wie dem KI-Agenten Operator enorme Kosten verursacht. Zudem gibt es externe Kritik an der undemokratischen Natur von OpenAIs Technologieentwicklung, wie die Journalistin Sigal Samuel auf X betonte, die eine strengere unabhängige Überprüfung forderte. Interne Spannungen, etwa durch Altmans kurzzeitige Absetzung 2023 und den Weggang von Sicherheitsforschern, könnten Simos Führungsarbeit erschweren, insbesondere da sie ein Team leiten muss, in dem mehrere Führungskräfte bereits eng mit Altman verbunden sind oder selbst CEO-Erfahrung haben.
Ausblick
Simos Ankunft markiert einen Wendepunkt für OpenAI. Ihre Expertise in der Monetarisierung und Skalierung von Konsumentenprodukten könnte das Unternehmen in eine stabilere finanzielle Zukunft führen, während Altman sich auf bahnbrechende Forschungsprojekte konzentriert. Die Einführung von Werbung in ChatGPT und mögliche Hardware-Integrationen, wie etwa KI-gestützte Browser oder Geräte in Zusammenarbeit mit Jony Ive, deuten auf eine breitere Marktstrategie hin. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob OpenAI seine Mission, KI zum Wohle aller einzusetzen, mit den kommerziellen Ambitionen und der rasanten Expansion vereinbaren kann. Simos Führung wird entscheidend sein, um diese Balance zu finden und OpenAI als führenden Akteur in der KI-Revolution zu etablieren.
Quelle: The Verge (22. August 2025), WIRED, Bloomberg, Maddyness, und weitere öffentlich zugängliche Quellen.
