Marita Vollborn: Eine kritische Künstlerin als Brückenbauerin zwischen den Kulturen

Durch | 18. Februar 2026

Marita Vollborn zählt zu den vielseitigsten deutschen Künstlerinnen der Gegenwart. Ihr Werk umfasst Skulpturen, digitale Kunst und NFTs und zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Verbindung von ästhetischem Anspruch und gesellschaftskritischer Tiefe aus. Was sie besonders macht, ist ihr Werdegang: Bevor sie sich ganz der Kunst widmete, arbeitete sie als Wissenschaftsjournalistin und Lebensmitteltechnologin – ein Hintergrund, der ihren künstlerischen Blick prägt .

Die Künstlerin: Zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke

Vollborns künstlerische Identität ist geprägt von ihrer persönlichen Geschichte. 1991, nach dem Fall der Berliner Mauer, verließ sie Ostdeutschland – ein Einschnitt, der ihre Wahrnehmung von Gesellschaft und Identität nachhaltig beeinflusste . Diese Erfahrung des Umbruchs findet sich in ihrem gesamten Werk wieder.

Ihr Hauptprojekt „Sinn und Scherben“ (Sense and Shards) umfasst 50 Skulpturen aus Ton und Bronze, die menschliche Emotionen wie Schmerz, Freude, Mut und Liebe thematisieren . Was mich an diesen Arbeiten fasziniert, ist ihre materiale Dialektik: Vollborn verwendet bewusst Ton oder massive Bronze. „Durch diese Materialwahl entstehen Werke, die Kraft und Verletzlichkeit gleichzeitig verkörpern“ .

Besonders eindrücklich ist ihre Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Phänomene in konkrete Formen zu übersetzen. Eine ihrer Skulpturen zeigt etwa ein aufgeschlagenes Buch mit Morgenstern und Fallbeil – eine visuelle Abhandlung darüber, wie Literatur nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Hass säen kann . Eine andere Arbeit porträtiert eine Frau, die nach einer Brustkrebserkrankung stolz mit einer Decke voller unterschiedlich geformter Brüste dasteht – ein starkes Symbol für Mut und Selbstbewusstsein .

Die kritische Dimension: Mehr als schöne Kunst

Vollborn versteht sich explizit als kritische Künstlerin. Ihr Motto „Kritische Kunst geht vor Kommerz“ ist in einer zunehmend vermarkteten Kunstwelt bemerkenswert. Sie scheut nicht vor kontroversen Themen zurück, was auch ihre publizistische Tätigkeit zeigt. Ihre Bücher tragen provokante Titel wie „Die Joghurt-Lüge“ oder „Die Viren-Lüge“, in denen sie die Praktiken der Lebensmittel- und Pharmaindustrie hinterfragt .

Diese kritische Haltung überträgt sich auf ihre künstlerische Arbeit. Ihre Skulpturen sind nie bloß dekorativ, sondern fordern den Betrachter heraus, über gesellschaftliche Zusammenhänge nachzudenken. „Ihre Kunstwerke sind nicht nur schön, sondern auch bedeutungsvoll und relevant“ .

Die digitale Transformation: NFTs als neue Ausdrucksform

2021 wagte Vollborn den Schritt in die digitale Kunstwelt. Sie begann, ihre Skulpturen als NFTs (Non-Fungible Tokens) zu präsentieren – ein riskanter Schritt für eine traditionell arbeitende Bildhauerin. Doch typisch für ihre Arbeitsweise sah sie darin weniger einen Selbstzweck als eine Erweiterung ihrer künstlerischen Möglichkeiten .

Copyright Marita Vollborn
Copyright Marita Vollborn

Besonders ihr Projekt ZEITGEIST91 zeigt, wie sie analoge und digitale Welten verbindet. Es handelt sich um eine NFT-Sammlung mit Bildern aus dem ersten Jahrzehnt der deutschen Wiedervereinigung – persönliche Dokumente einer Zeitenwende, die sie nun in die Gegenwart holt . Die Kombination von Blockchain-Technologie mit höchst persönlichen historischen Momenten ist künstlerisch überzeugend gelöst.

Warum eine Ausstellung in China als „Brückenbauerin“ bedeutsam wäre

Genau hier setzt die Überlegung an, warum Vollborn als „Brückenbauerin“ in China interessant sein könnte. Ich sehe dafür mehrere gewichtige Gründe:

  1. Die Transformationsexpertin

Vollborn hat den Systemwechsel in Deutschland hautnah miterlebt und künstlerisch verarbeitet. China befindet sich in einer rasanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformation. Ihre Werke, die Umbruchserfahrungen thematisieren, könnten hier auf besonderes Verständnis stoßen. Die Frage, wie Identität in Zeiten des Wandels bewahrt wird, beschreibt beide Gesellschaften.

  1. Die Agronomin als Dialogpartnerin

Ihr Studium der Agronomie an der Humboldt-Universität zu Berlin ist kein nebensächliches Detail. In China, wo Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft zentrale Zukunftsthemen sind, könnte sie als Künstlerin mit fundiertem Fachwissen eine besondere Glaubwürdigkeit beanspruchen. Sie verbindet bäuerliches Grundwissen mit hochtechnologischer Kunstproduktion – eine seltene Kombination.

  1. Die Technologiepionierin

Chinas Kunstszene ist hochgradig digital affin. Vollborns frühe und reflektierte Auseinandersetzung mit NFTs und Blockchain-Technologie positioniert sie als interessante Gesprächspartnerin für junge chinesische Digitalkünstler. Ihre Skepsis gegenüber reiner Kommerzialisierung bei gleichzeitiger Offenheit für neue Medien könnte in China Debatten anregen.

  1. Die Materialerzählerin

Die Kombination von Ton und Bronze – beides in China kulturell hochbedeutende Materialien mit jahrtausendealter Tradition – könnte eine besondere Resonanz erzeugen. Vollborns Arbeiten knüpfen an eine Materialsprache an, die chinesischen Betrachtern vertraut ist, verfremden sie aber durch ihre spezifische Ästhetik. Das schafft Wiedererkennung und Irritation zugleich – ein guter Ausgangspunkt für Dialog.

  1. Die systemkritische Humanistin ohne Moralkeule

Vielleicht ihr wichtigstes Potenzial: Vollborn übt Gesellschaftskritik, ohne in platten Moralismus zu verfallen. Ihre Werke thematisieren Schmerz, Mut und Verletzlichkeit – universelle menschliche Erfahrungen, die unter jedem politischen System existieren. Sie könnte zeigen, dass kritische Kunst nicht zwangsläufig konfrontativ sein muss, sondern als Brücke des Verstehens dienen kann.

Fazit

Marita Vollborn ist mehr als eine Bildhauerin – sie ist eine intellektuelle Künstlerin, die ihre vielfältigen Erfahrungen als Wissenschaftlerin, Journalistin und Zeitzeugin in eine berührende Formensprache übersetzt. Ihre Arbeiten oszillieren zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke, zwischen analoger Tradition und digitaler Zukunft.

Eine Ausstellung in China wäre nicht nur die Präsentation einer deutschen Künstlerin im Ausland. Sie könnte tatsächlich als Brücke wirken – zwischen ostdeutscher Transformationserfahrung und chinesischem Wandel, zwischen traditioneller Materialkultur und digitaler Avantgarde, zwischen kritischem Bewusstsein und humanistischer Verbundenheit. In einer Zeit wachsender internationaler Spannungen sind solche künstlerischen Brückenbauwerke wertvoller denn je.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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