Menschengeführte KI öffnet Flüchtlingen den Zugang zu Tech-Jobs

Durch | 29. Januar 2026

Barcelona – Künstliche Intelligenz kann Geflüchteten helfen, Ausbeutung zu vermeiden und faire Chancen im digitalen Arbeitsmarkt zu erhalten – vorausgesetzt, Menschen behalten die Kontrolle. Das betonen Experten in einem Beitrag von SciDev.Net, der durch das International Development Research Centre (IDRC) Kanada gefördert wurde.

Susan Achiech wuchs im kenianischen Flüchtlingslager Kakuma auf, wohin ihre südsudanesischen Eltern in den 1990er Jahren flohen. Heute lebt die 26-Jährige in Kanada, führt ihr eigenes Gaming-Unternehmen Tech Femme Algorithms, arbeitet als Versicherungsberaterin und studiert Game-Programmierung. Ihren Einstieg in die Tech-Branche fand sie durch Programmierkurse bei der NGO Learning Lions in Nairobi und anschließende Remote-Arbeit über die soziale Plattform Na’amal.

„Als Geflüchtete ist es schwierig“, erzählt Achiech. „Viele haben weder Bildung noch die geforderten Skills für hochqualifizierte Jobs. Ausbildung ist das zentrale Problem.“

Na’amal – der Name bedeutet auf Arabisch zugleich „wir arbeiten“ und „wir hoffen“ – vermittelt Geflüchteten und benachteiligten Gemeinschaften gefragte digitale Kompetenzen sowie „essentielle menschliche Fähigkeiten“ für den globalen Arbeitsmarkt. CEO Lorraine Charles betont: „KI-Kenntnisse sind heute ein echter Einstellungsvorteil. Deshalb sorgen wir bewusst dafür, dass alle Teilnehmenden praktische, anwendungsbezogene KI-Skills erwerben.“

Seit 2024 betreibt Na’amal die Na’amal Agency, die qualifizierte Geflüchtete für tech-basierte Projekte rekrutiert. Eine KI-gestützte Plattform soll künftig Talente mit Aufträgen verbinden – allerdings immer unter menschlicher Aufsicht. „KI unterstützt beim initialen Matching nach Skills und Projektbedarf, aber Qualitäts- und Ethikprüfungen bleiben menschlich“, erklärt Charles.

Ähnlich verfährt EqualReach, das Geflüchtete mit Kunden in IT, Design und anderen Bereichen vernetzt. Gründerin Giselle Gonzales setzt KI nur gezielt ein – etwa zum Erstellen von Projektbeschreibungen –, nicht jedoch beim Matching. „Unser Vorteil ist der Beziehungsaufbau“, sagt sie. „Menschen brauchen Netzwerke, um sich in einem neuen Land zurechtzufinden.“

Die Zahl der weltweit gewaltsam Vertriebenen stieg bis Mitte 2024 auf 122,6 Millionen – ein Plus von 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr (UNHCR). Viele Geflüchtete geraten in neue Länder in Konkurrenz zu Einheimischen, stoßen auf Sprachbarrieren, Diskriminierung und Ausbeutung durch Schlepper oder dubiose Vermittler.

„Bei menschlichen Prozessen und menschlicher Entwicklung kann man die Menschen nicht herausnehmen“, warnt Sabina Dewan, Geschäftsführerin des JustJobs Network. Plattformen, die direkte Kontakte zu Arbeitgebern herstellen, können das Risiko von Ausbeutung senken. Doch Dewan mahnt: „Wer über Tech-Plattformen Jobs findet, bleibt bei Problemen oft machtlos – vor allem, wenn Betroffene ihre Rechte nicht kennen und keine wirksamen Beschwerdemechanismen haben.“

Yvonne Giesing vom Ifo-Institut in München ergänzt: In Zeiten verschärfter Migrationspolitik sei es wichtig, keine falschen Hoffnungen zu wecken. KI könne bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen helfen – etwa bei Startups wie Indima in Österreich, das Zeugnisse automatisiert vergleicht. Doch auch dort bleibt die finale Umrechnung von Credit Points deterministisch und nachvollziehbar, nicht rein KI-basiert. „Wenn es um Entscheidungen über die Zukunft von Menschen geht, darf es keine Black Box sein“, sagt Mitgründer Emin Vojnikovic.

Petro Kosho, Autor einer Studie zu ethischer KI-Nutzung bei Geflüchteten, fordert: „Entscheidungen über Menschen dürfen nie vollständig der KI überlassen werden – sie lernt nur aus den Daten, die man ihr gibt. Fehlen Vielfalt und globale Perspektiven, ist Bias vorprogrammiert.“

Bei Na’amal, EqualReach und ähnlichen Initiativen bleibt die menschliche Aufsicht zentral – von Matching über Vertragsabschluss bis zur Projektabwicklung. „AI ersetzt weder menschliches Urteilsvermögen noch Verantwortung“, betont Charles. „Alles bleibt menschengeführt, mit eingebauter Absicherung und Kontextverständnis.“

Die Kombination aus KI und menschlicher Kontrolle kann Geflüchteten den Zugang zu digitalen Jobs erleichtern, Ausbeutung reduzieren und faire Teilhabe fördern – solange der Mensch die letzte Instanz bleibt.

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
Autor: LabNews Media LLC

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