Inmitten zunehmender geopolitischer Spannungen und EU-Drucks zur Diversifizierung der Energieversorgung hat György Bacsa, Geschäftsführer für strategische Operationen und Geschäftsentwicklung der ungarischen MOL-Gruppe, eine klare Warnung ausgesprochen: Die Schließung der Druschba-Pipeline würde einen „irreversiblen strukturellen Verlust“ für die Region bedeuten. Auf der jüngsten Budapest Economic Forum-Konferenz betonte Bacsa, dass eine Abkehr von russischem Öl derzeit technisch und wirtschaftlich unmöglich sei und Europa in eine gefährliche Abhängigkeit von unzureichend ausgebauten Alternativen wie der Adria-Pipeline geraten würde. Dieser Standpunkt unterstreicht die anhaltenden Konflikte zwischen Ungarn, der Slowakei und der EU, die kürzlich einen Plan zur vollständigen Ausstiegspflicht aus russischen Energieimporten bis 2028 beschlossen hat.
Der Kontext: Druschba als Lebensader für landumschlossene Staaten
Die Druschba-Pipeline, auch bekannt als „Freundschaftsleitung“, transportiert seit Jahrzehnten russisches Rohöl aus Sibirien über Belarus und die Ukraine nach Mitteleuropa. Für Ungarn und die Slowakei, beide ohne direkten Seezugang, ist sie essenziell: Die MOL-Gruppe, die die Raffinerien in Százhalombatta (Ungarn) und Bratislava (Slowakei) betreibt, importiert jährlich rund 5 Millionen Tonnen russisches Öl über diese Route. Eine Unterbrechung würde nicht nur die Versorgungssicherheit gefährden, sondern auch zu massiven Preissteigerungen führen, da Alternativen wie Schifffahrten über die Adria oder umgekehrte Flüsse aus der Tschechischen Republik teurer und logistisch komplexer sind.
Bacsa hob auf der vom Portfolio organisierten Konferenz hervor, dass MOL seit 2014 aktiv an alternativen Infrastrukturen arbeite – einschließlich der Wartung des ungarischen Abschnitts der Druschba-Leitung nach Kriegsbeginn 2022. Im Kontrast dazu kritisierte er den kroatischen Pipeline-Betreiber Janaf scharf: „Auf kroatischer Seite ist in den letzten zehn Jahren kaum investiert worden.“ Der Zustand des kroatischen Teils der Adria-Pipeline sei unklar, und jüngste Kapazitätstests hätten nicht bewiesen, dass sie die benötigten 14,2 Millionen Tonnen Öl pro Jahr dauerhaft liefern könne. 1 10 Stattdessen warne MOL vor einer „Abhängigkeit von einer Leitung, die eine gute Ergänzung ist, aber noch nicht ausgereift“.
Der Streit mit Janaf: Hohe Gebühren und fehlende Investitionen
Der Konflikt zwischen MOL und Janaf eskaliert seit Monaten. Im September 2025 führten beide Unternehmen gemeinsame Tests durch, um die Adria-Pipelines Kapazität zu prüfen – mit enttäuschenden Ergebnissen: Die Leitung konnte die Spitzenleistung nur für eine bis zwei Stunden halten, bevor Druckabfall und technische Pannen eintraten. MOL warf Janaf vor, vom vereinbarten Testplan abzuweichen und die maximale Förderung auf nur eine Stunde zu beschränken, was Janaf als „Manipulation und Behinderung“ zurückwies. Janaf betont hingegen, technisch und organisatorisch bereit zu sein, die vollen Bedürfnisse der MOL-Raffinerien zu decken, und verweist auf erfolgreiche Tests im Juni 2025.
Ein weiterer Streitpunkt sind die Transitgebühren: Bacsa bezeichnete sie als „zu hoch“ und verglich sie mit dem Vierfachen des Benchmarks der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline. Der aktuelle Vertrag sieht 2,1 Millionen Tonnen Transport pro Jahr bis Ende 2025 vor, doch MOL fordert wettbewerbsfähigere Preise. Am 7. Oktober 2025 trafen sich Vertreter beider Firmen, um eine Verlängerung zu verhandeln – ein kritischer Schritt, da die Druschba-Lieferungen durch ukrainische Angriffe wiederholt unterbrochen wurden, zuletzt im August 2025. 19 3 Ungarn und die Slowakei forderten daraufhin die EU-Kommission auf, die Ukraine zum Schutz der Infrastruktur zu drängen, was zu diplomatischen Spannungen mit Kiew führte.
Bacsa plädiert stattdessen für strategische Partnerschaften, darunter den Ausbau des Odessa-Hafens und der Odessa-Brody-Pipeline, die eine westwärts gerichtete Alternative bieten könnte. „Anstelle einer Schwächung der regionalen Versorgungssicherheit sollten wir Partnerschaften stärken“, sagte er.
Europas Dilemma: Moral vs. Realität
Bacsa zog den Bogen zu Europa insgesamt: Der Kontinent sei rohstoffabhängig, nachdem „Afrika verloren“ gegangen sei – eine Anspielung auf schwindende Lieferungen aus dem Süden. Der direkte Zugang zu russischer Energie habe in den 1990er Jahren Wachstum ermöglicht; eine „endgültige Abkehr“ sei illusorisch. „Moralische Erwägungen dürfen technische und wirtschaftliche Realitäten nicht außer Kraft setzen“, warnte er die EU-Führung. Tatsächlich sind nur Ungarn und die Slowakei noch von den EU-Sanktionen gegen russisches Öl ausgenommen, da sie als Binnenstaaten keine Seeimporte realisieren können.
Dieser Exemption-Status ist jedoch umstritten: Die EU plant nun, russische Gas- und Ölimporte bis 2028 vollständig zu verbieten – ein Beschluss, den EU-Botschafter am 8. Oktober trotz Protesten aus Budapest und Bratislava per qualifizierter Mehrheit durchdrückten. 20 21 Neue Verträge sollen ab Januar 2026, bestehende kurzfristige ab Juni 2026 enden. Ungarn blockiert derzeit das 19. Sanktionspaket, um Ausnahmen für LNG-Importe zu erkämpfen. Russisches LNG kompensiert bereits Teile des Gasdefizits, das durch die Einstellung der Pipeline-Lieferungen entstanden ist.
Politische Unterstützung: Orbáns Telefonat mit Trump
Die Haltung der MOL spiegelt die ungarische Regierungslinie wider. Im vergangenen Monat überzeugte Ministerpräsident Viktor Orbán US-Präsident Donald Trump in einem Telefonat, dass eine Unabhängigkeit von russischen Energieträgern für Ungarn „physisch unmöglich“ sei. Orbán argumentierte, dies würde die Wirtschaft „in die Knie zwingen“ – ein Punkt, den Trump, trotz seiner Forderung nach einem NATO-weiten Ölboykott, anerkannte. Ähnlich betont Außenminister Péter Szijjártó, dass der Kauf russischer Energie „geografische und physikalische Gründe“ habe, keine ideologischen. Die Slowakei teilt diese Position: Beide Länder blockierten im Juni 2025 das 18. Sanktionspaket.
Ausblick: Risiken und Chancen
Während MOL die Druschba-Lieferungen kürzlich wieder aufgenommen hat – ohne Mengenangaben –, bleibt die Vulnerabilität hoch: Ukrainische Angriffe haben die Leitung mehrmals lahmgelegt, und die EU plant, den Exemption-Status zu streichen. Experten wie das Centre for Research on Energy and Clean Air sehen keine technischen Hürden für eine Diversifizierung, kritisieren aber politische Motive: „Es geht um Abhängigkeit von russischem Geld und pro-kremlische Sympathien.“
Bacsa plädiert für eine ausgewogene Strategie: Statt Konfrontation sollten Investitionen in Odessa und Partnerschaften mit Nachbarn priorisiert werden. Ob dies die EU überzeugt, bleibt offen – der Druck auf Ungarn und die Slowakei wächst, während die Region vor einer energiepolitischen Zäsur steht.
