Der physische Protest auf der Straße bleibt in Demokratien unverzichtbar und gewinnt sogar an Bedeutung – trotz oder gerade wegen der Polarisierung in sozialen Medien. Zu diesem Schluss kommt der Rhetorikforscher Kristian Bjørkdahl von der Universität Oslo nach zweijähriger Feldforschung auf dem Eidsvolls plass vor dem norwegischen Parlament.
„Viele sind unzufrieden mit der extrem polarisierten Debatte online, wo man sich viel härter äußert als im echten Leben“, sagt Bjørkdahl. „Das motiviert Menschen, sich persönlich zu treffen und einen anderen Ton anzuschlagen. Digitale Mobilisierung allein bewirkt selten viel. Die Macht der Demokratie hängt letztlich davon ab, dass Menschen zusammenkommen.“
Global gesehen ist die Zahl der Demonstrationen in den vergangenen Jahren hoch – besonders in Ländern wie Indien und den USA. Laut Armed Conflict Location & Event Data (ACLED) und dem Crowd Counting Consortium gab es 2025 in den USA mehr als doppelt so viele Proteste gegen Donald Trump wie im ersten Jahr seiner ersten Amtszeit. Bjørkdahl sieht darin ein Zeichen für tiefe Systemkrisen: „Wenn Menschen das Gefühl haben, das System funktioniere nicht mehr, reicht ein Post oder ein Meinungsartikel nicht aus. Bei zunehmendem Faschismus müssen sie auf die Straße gehen, um gehört und gesehen zu werden.“
In Norwegen ist die Protestkultur ruhiger, doch Themen wie samische Rechte, der Israel-Palästina-Konflikt und Klimaschutz erzeugen anhaltendes Engagement. Der Eidsvolls plass vor dem Storting ist eine der wichtigsten Protestarenen des Landes mit über 700 Demonstrationen pro Jahr. Bjørkdahl und seine Kollegin Iben Brinch (Universität Bergen) haben dort regelmäßig beobachtet und mit Teilnehmern gesprochen.
Zu den markantesten Beispielen zählt die Besetzung durch samische Lavvu-Zelte 2023 (Fosen-Aktivisten), die gegen den Windparkbau auf samischem Gebiet protestierten – trotz eines höchstrichterlichen Urteils, das die Anlage für rechtswidrig erklärte. Historisch bedeutsam war bereits 1979 der Hungerstreik samischer Aktivisten gegen die Alta-Staudamm-Projekte, der zu einer umfassenden Reform der samischen Politik führte.
Bjørkdahl beobachtet ein breites Spektrum an Akteuren: vom strategisch agierenden Norwegischen Bauernverband, der bei Bedarf Massenmobilisierungen mit Prominenten organisiert, bis hin zu kleinen, täglich präsenten Gruppen wie der Ukrainischen Vereinigung in Norwegen, die vor allem Solidarität und Gemeinschaft suchen. Auch Palästina-Aktivisten betonen, dass das Zusammenkommen vor dem Parlament vor allem dem gegenseitigen Austausch und der emotionalen Unterstützung dient.
In Norwegen richten sich viele Proteste auf internationale Themen, weil die Betroffenen hierzulande vergleichsweise wenig Machtlosigkeit verspüren. Gleichzeitig gibt es innenpolitische Konflikte, etwa um die norwegische Klimapolitik als Erdöl-Nation. Die „Climate Roar“-Demonstration vor einigen Jahren galt als größte Klimademo in der norwegischen Geschichte.
Bjørkdahl betont die symbolische Kraft des Platzes: „Was hier passiert, kann echte politische Konsequenzen haben. Viele wissen das.“ Physische Proteste seien daher nicht nur Ausdruck von Unzufriedenheit, sondern auch ein Versuch, Einfluss zu nehmen, wo andere Kanäle versagen.
