Russischer Raumfahrtchef warnt: „Wir müssen aufhören, uns selbst zu belügen“

Durch | 28. August 2025

Moskau, 27. August 2025 – Igor Maltsev, Generaldirektor des russischen Raumfahrtunternehmens RSC Energia, hat in einer beispiellosen Erklärung die prekäre Lage der russischen Raumfahrtindustrie angeprangert. In einer internen Mitteilung an die Belegschaft anlässlich des 79. Jahrestags des Unternehmens bezeichnete Maltsev die Situation als „kritisch“ und warnte vor einem möglichen Kollaps, sollte sich nichts ändern.

RSC Energia, das führende Unternehmen für bemannte Raumfahrt in Russland, kämpft mit erheblichen finanziellen Problemen. Laut Maltsev belasten Millionenschulden und hohe Kreditzinsen den Haushalt, während ineffiziente Prozesse und ein Mangel an Motivation sowie Verantwortungsbewusstsein in der Belegschaft die Situation verschärfen. Er betonte, dass die Versprechen zu wichtigen Projekten in den letzten Jahren meist unerfüllt blieben und Fristen verpasst wurden. „Wir müssen aufhören, uns selbst und andere über den Zustand der Dinge zu belügen“, forderte Maltsev und rief die Mitarbeiter zu „entschlossenen Maßnahmen“ auf, um das Unternehmen zu retten. Er bezeichnete die Rettung von Energia als eine Aufgabe „aus dem Reich der Wunder“.

Die Aussagen, die zunächst von der großen russischen Nachrichtenseite Gazeta.ru veröffentlicht und später auf dem Telegram-Kanal „Forgive us Yura“ – benannt nach dem Kosmonauten Juri Gagarin – verbreitet wurden, sind laut mehreren Quellen authentisch. Der Kanal ist bekannt für seine kritischen Beiträge zur russischen Raumfahrt. Maltsevs offene Worte sind ungewöhnlich, da russische Raumfahrtbeamte üblicherweise die Vergangenheit glorifizieren und neue Projekte ankündigen, anstatt Missstände einzugestehen.

RSC Energia, gegründet 1946 von Sergei Koroljow, ist eine tragende Säule der russischen Raumfahrt. Das Unternehmen entwickelte die ersten sowjetischen ballistischen Raketen, den Sputnik-Satelliten, die Raumschiffe Wostok und Sojus sowie unbemannte Stationen für Mond, Venus und Mars. Es ist verantwortlich für die Produktion der Sojus- und Progress-Raumschiffe und unterstützt den russischen Teil der Internationalen Raumstation (ISS). Doch die Krise verschärft sich: Nach der russischen Invasion in der Ukraine 2022 führten westliche Sanktionen dazu, dass Roskosmos, die staatliche Raumfahrtbehörde, fast alle ausländischen Kunden verlor. Projekte wie die Mondsonde Luna-25, die 2023 abstürzte, und Verzögerungen beim Sojus-5-Raketenprogramm unterstreichen die technischen und finanziellen Schwierigkeiten.

Die russische Raumfahrt leidet unter chronischer Unterfinanzierung und Korruption. Berichten zufolge verdienen technische Spezialisten bei Roskosmos nur zwischen 500 und 1.000 US-Dollar pro Monat, während die Budgets für prestigeträchtige Projekte oft in die Taschen von Funktionären fließen. Maltsev, der erst vor drei Monaten zum Generaldirektor ernannt wurde, erbte eine lange Liste von Problemen, darunter ausbleibende Lieferungen und das Scheitern von Projekten wie dem „Perseus“-Oberstufenmodul sowie verlorene Satellitenaufträge für Länder wie Angola und Ägypten.

Die Zukunft von Energia ist ungewiss, insbesondere da die ISS, an der Russland beteiligt ist, voraussichtlich 2030 außer Dienst gestellt wird. Pläne für eine eigene russische Raumstation oder bemannte Mondmissionen gelten als unrealistisch, da weder Budget noch Zeitplan klar sind. Experten sehen in Maltsevs Aussagen einen seltenen Moment der Ehrlichkeit, der jedoch kaum Aussicht auf schnelle Verbesserungen bietet, solange die strukturellen Probleme der Branche ungelöst bleiben.

Hintergrund: Die russische Raumfahrtindustrie kämpft seit Jahren mit den Folgen von Sanktionen, die den Zugang zu westlichen Technologien einschränken, sowie mit einer Priorisierung militärischer Ausgaben durch den Kreml. Die Pleite des privaten Raumfahrtunternehmens SR Space und die Stagnation von Projekten wie der Angara-A5-Rakete verdeutlichen den Niedergang. Während Roskosmos unter der Leitung von Juri Borissow, der 2022 Dmitri Rogozin ablöste, versucht, die Zusammenarbeit mit der NASA bis 2030 aufrechtzuerhalten, steht die Industrie vor einer ungewissen Zukunft. Maltsevs Appell könnte ein Wendepunkt sein – oder das Eingeständnis eines unaufhaltsamen Abstiegs.

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Autor: LabNews Media LLC

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