Eine internationale Recherche enthüllt alarmierende Missstände im deutschen Gesundheitssystem: Mehr als 30 approbierte Mediziner, denen in anderen Ländern aufgrund schwerer Behandlungsfehler, Abrechnungsbetrugs oder sexueller Straftaten die Zulassung entzogen wurde, üben ihren Beruf in Deutschland weiter aus. Dies stellt eine erhebliche Gefahr für Patienten dar und wirft Fragen zur Wirksamkeit behördlicher Kontrollen auf. Die Untersuchung, an der rund 50 Medienhäuser beteiligt waren, basiert auf der Auswertung von 2,5 Millionen Dokumenten aus Justiz, Behörden und Datenbanken.
Die Recherche, die unter dem Titel „Bad Practice“ läuft und Partner wie ZDF frontal, Der Spiegel, die britische Times sowie den norwegischen Verdens Gang umfasst, beleuchtet, wie Ärzte trotz internationaler Warnungen in deutschen Praxen und Kliniken tätig bleiben. Ein exemplarischer Fall aus Norwegen unterstreicht die Dringlichkeit: Ein deutscher Arzt verlor dort 2021 seine Zulassung, nachdem mehrere Patienten durch fehlerhafte Operationen bleibende Schäden erlitten hatten. Betroffen war unter anderem ein Mann, der eine Amputation seines Beins hinnehmen musste. Die norwegischen Behörden entschädigten die Geschädigten mit insgesamt 1,3 Millionen Euro und informierten die deutsche Botschaft detailliert über die Risiken. Dennoch praktiziert der Mediziner heute legal in einer Praxis am Bodensee, ohne dass deutsche Ärztekammern oder Approbationsstellen interveniert hätten.
Ähnliche Vorfälle betreffen Fälle aus Großbritannien und den Niederlanden. Ein Arzt, der in Großbritannien eine schwerkranke Patientin fälschlicherweise entließ – was zu ihrem Tod durch eine unbehandelte Lungenentzündung führte –, erhielt dort und in den Niederlanden ein Berufsverbot. In Deutschland ist er als niedergelassener Praxisinhaber in Süddeutschland aktiv. Auch ein in der Schweiz wegen sexuellen Übergriffs auf eine Patientin verurteilter Mediziner arbeitete zunächst unbehelligt in Düsseldorf, bis die Recherche den Fall öffentlich machte und ein Prüfverfahren einleitete. Solche Beispiele zeigen, dass disziplinarische oder strafrechtliche Verurteilungen im Ausland nicht automatisch Konsequenzen in Deutschland nach sich ziehen.
Ursachen für diese Lücken liegen vor allem in mangelnder Transparenz und unvollständigen Informationsaustauschen. Das europäische Binnenmarkt-Informationssystem (IMI) soll seit über einem Jahrzehnt Warnungen über entzogene Zulassungen zwischen EU-Staaten austauschen. Die Approbationsbehörden der Bundesländer sind daran angeschlossen und müssen innerhalb von drei Tagen auf Meldungen reagieren. Dennoch wurden in mindestens zwölf dokumentierten Fällen deutsche Stellen über die Vorfälle informiert, ohne Maßnahmen zu ergreifen – etwa durch das Regierungspräsidium Stuttgart. Bei Ländern außerhalb der EU wie der Schweiz fehlt der IMI-Zugang vollständig, was den Informationsfluss weiter erschwert. Zudem existiert in Deutschland kein öffentliches Register für Disziplinarmaßnahmen gegen Ärzte, im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien. Patienten haben somit kaum Möglichkeiten, sich unabhängig zu informieren, und Approbationsbehörden berufen sich oft auf Datenschutz, um Auskünfte zu verweigern.
Die Folgen für die Patientensicherheit sind gravierend. Jährlich verlieren allein in Norwegen, der Schweiz und Großbritannien rund 100 Ärzte ihre Lizenz; europaweit könnten es mehrere Hundert sein. In Deutschland, wo über 400.000 Mediziner praktizieren, betrifft dies zwar nur einen geringen Prozentsatz, doch der absolute Umfang von mehr als 30 Fällen unterstreicht ein systemisches Versagen. Experten warnen vor einer Erosion des Vertrauens in das Gesundheitssystem, insbesondere in Zeiten eines wachsenden Ärztemangels auf dem Land, der bis 2040 Tausende Praxen unbesetzt lassen könnte.
Politisch stößt die Enthüllung auf scharfe Kritik. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung äußert Entsetzen und fordert eine umfassende Reform der Meldepflichten sowie eine gesetzliche Prüfung. Gesundheitspolitiker der Grünen sprechen von einem „Systemversagen mit Ansage“ und plädieren für ein bundesweites, öffentliches Register ausländischer Berufsverbote sowie strengere Transparenzpflichten für Ärztekammern. Norwegen plant in Reaktion auf die Recherche Verbesserungen am IMI-System, während die Bundesgesundheitsministerin trotz Anfragen keine Stellungnahme abgab und auf die Länderbehörden verweist. Die Recherche hat bereits in Einzelfällen zu Verfahren geführt, doch Experten betonen, dass nur eine EU-weite Harmonisierung der Standards langfristig Abhilfe schaffen kann.
Dieser Skandal unterstreicht die Notwendigkeit, Patientenschutz priorisiert vor bürokratischen Hürden zu stellen. Ohne rasche Reformen droht eine Eskalation der Risiken in einem ohnehin angespannten Gesundheitswesen.
Links:
- ZDF frontal: Lizenzentzug im Ausland – Ärzte in Deutschland weiterarbeiten
- ZDF: Ärzte ohne Lizenz – System-Versagen mit Ansage
- Schwäbische Zeitung: Gefahr für Patienten – Mehr als 30 Ärzte ohne Lizenz
- EUR-Lex: EU Internal Market Information System (IMI)
Alle Links wurden am 08. Oktober 2025 überprüft und sind funktionsfähig.
