Ein umfangreicher Tagungsband fasst die Ergebnisse einer bundesweiten Fachtagung zusammen, die sich der Stärkung von Frauen in Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft widmet. Unter dem Titel „Innovativ – Exzellent – Sichtbar“ wurden im März 2025 in Berlin über 40 Beiträge aus Forschung, Praxis und Medien präsentiert. Die nun veröffentlichte Publikation bietet konkrete Handlungsempfehlungen, Best-Practice-Modelle und wissenschaftliche Erkenntnisse, um die strukturelle Sichtbarkeit und Teilhabe von Frauen nachhaltig zu verbessern. Sie richtet sich an Hochschulen, Unternehmen und politische Entscheidungsträger und soll als Instrumentenkoffer dienen, um eigene Strategien zur Chancengerechtigkeit zu entwickeln.
Die Fachtagung und der daraus resultierende Band sind Teil des Metavorhabens „Innovative Frauen im Fokus“ (meta-IFiF), das vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. koordiniert wird. Gefördert durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), verfolgt das Programm das Ziel, weibliche Expertise systematisch sichtbar zu machen und strukturelle Barrieren abzubauen. Die Beiträge decken ein breites Spektrum ab: Sie reichen von Konzepten für eine geschlechtergerechte Entwicklung künstlicher Intelligenz über Förderprogramme für weibliche Führungskräfte bis hin zu speziellen Formaten für Gründerinnen und der gezielten Präsentation von Role Models. Dabei wird deutlich, dass Sichtbarkeit kein Zufall sein darf, sondern aktiv gestaltet werden muss – durch gezielte Kommunikation, Netzwerkstrukturen und institutionelle Verankerung.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Übertragbarkeit der vorgestellten Maßnahmen. Viele Projekte, die im Band dokumentiert sind, lassen sich auf andere Organisationen anwenden. Beispielsweise werden Mentoring-Programme beschrieben, die Nachwuchswissenschaftlerinnen mit etablierten Expertinnen verbinden, oder Kommunikationsstrategien, die weibliche Erfindungen in Patentdatenbanken und Medien stärker hervorheben. Auch die Rolle von Medien wird beleuchtet: Wie können Berichterstattung und öffentliche Diskurse so gestaltet werden, dass Frauen nicht nur als Expertinnen wahrgenommen, sondern auch als Innovations treibende Kraft dargestellt werden? Weitere Themen umfassen die Vereinbarkeit von Karriere und Familie, die Bekämpfung unbewusster Vorurteile in Berufungsverfahren und die Förderung von Frauen in technischen Disziplinen.
Die Relevanz solcher Ansätze wird im Grußwort des BMFTR-Staatssekretärs Rolf-Dieter Jungk unterstrichen. Er betont, dass Geschlechtergerechtigkeit nicht nur eine Frage der Fairness sei, sondern eine zentrale Voraussetzung für ein leistungsfähiges Wissenschafts- und Innovationssystem. Nur wenn alle Talente – unabhängig vom Geschlecht – genutzt werden, könne Exzellenz entstehen. Diese Haltung spiegelt sich in der Förderpolitik des Ministeriums wider: Seit 2021 unterstützt die Richtlinie „Innovative Frauen im Fokus“ gezielt Projekte, die strukturelle Veränderungen anstoßen und Lösungsbeiträge von Frauen in gesellschaftliche Debatten einbringen.
Hintergrund dieser Initiative ist die anhaltende Unterrepräsentation von Frauen in Schlüsselbereichen. Zwar studieren inzwischen mehr Frauen als Männer, doch in Führungspositionen der Wissenschaft bleiben sie deutlich in der Minderheit. Laut Statistischem Bundesamt lag der Frauenanteil unter Professuren an deutschen Hochschulen 2024 bei knapp 28 Prozent – ein langsamer Anstieg, aber weit entfernt von Parität. In der Wirtschaft ist das Bild ähnlich: Im DAX-Vorstand sitzen weniger als 20 Prozent Frauen, in technischen Bereichen oft unter 10 Prozent. Gleichzeitig zeigen Studien, dass divers zusammengesetzte Teams innovativer und wirtschaftlich erfolgreicher sind. Die Corona-Pandemie hat diese Ungleichheiten verschärft: Frauen übernahmen einen Großteil der Care-Arbeit, was Karriereunterbrechungen und Publikationsrückgänge zur Folge hatte.
Das Metavorhaben meta-IFiF begleitet und vernetzt seit mehreren Jahren geförderte Projekte. Es analysiert Erfolgsfaktoren, identifiziert Hemmnisse und entwickelt übergreifende Strategien. Die Fachtagung im März 2025 brachte erstmals alle Akteure zusammen – von geförderten Verbundvorhaben über Ministeriumsvertreter bis hin zu Unternehmensvertretern. Der Tagungsband fasst nicht nur Vorträge zusammen, sondern enthält auch Diskussionsergebnisse aus Workshops und Podiumsdiskussionen. Er ist als Open-Access-Publikation frei verfügbar und soll möglichst breit genutzt werden. Projektleiterin Christina Rouvray hebt hervor, dass die gezeigten Beispiele beweisen: Sichtbarkeit ist machbar, wenn klare Strukturen und Verantwortlichkeiten geschaffen werden.
Die Publikation erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem Gleichstellungspolitik wieder stärker in den Fokus rückt. Die neue Bundesregierung hat sich ambitionierte Ziele gesetzt, darunter die Erhöhung des Frauenanteils in wissenschaftlichen Gremien und die Einführung verbindlicher Diversitätsberichte für geförderte Projekte. Auch die EU-Kommission drängt auf Fortschritte: Im Rahmen des Horizon-Programms müssen Anträge inzwischen Gender-Dimensionen nachweisen. Der Tagungsband liefert hierfür konkrete Werkzeuge – von Checklisten für gendergerechte Ausschreibungen bis hin zu Erfolgsmessungen für Sichtbarkeitskampagnen.
Besonders innovativ sind Ansätze, die digitale Technologien einbeziehen. Ein Beitrag beschreibt eine Plattform, die automatisch weibliche Experten für Medienanfragen vorschlägt, um die übliche Dominanz männlicher Stimmen zu durchbrechen. Ein anderer zeigt, wie KI-Tools trainiert werden können, um geschlechtsneutrale Sprache in wissenschaftlichen Texten zu fördern. Solche technischen Lösungen ergänzen klassische Maßnahmen wie Quoten oder Förderstipendien. Der Band macht deutlich: Es geht nicht um Symbolpolitik, sondern um systemische Veränderung.
Für Unternehmen bietet die Publikation Anknüpfungspunkte zur Stärkung der eigenen Arbeitgebermarke. Firmen, die Diversität leben, ziehen Talente an und verbessern ihr Innovationsklima. Für Hochschulen liefert der Band Argumente für die Weiterentwicklung von Gleichstellungsplänen. Und für die Politik bietet er eine Grundlage, um Förderinstrumente zu evaluieren und anzupassen. Die Open-Access-Strategie soll sicherstellen, dass die Inhalte auch international rezipiert werden – schließlich ist Geschlechtergerechtigkeit ein globales Thema.
Der Tagungsband markiert einen Meilenstein in der deutschen Gleichstellungsforschung. Er zeigt, dass Fortschritt möglich ist, wenn Wissenschaft, Praxis und Politik zusammenarbeiten. Die darin enthaltenen Projekte beweisen: Wo Sichtbarkeit strukturell verankert wird, entstehen Vorbilder, Netzwerke und Karrierewege. Die Herausforderung bleibt, diese Erkenntnisse flächendeckend umzusetzen. Mit dem Instrumentenkoffer aus Berlin liegt nun ein Werkzeug vor, das genau dabei helfen soll – praxisnah, wissenschaftlich fundiert und offen für alle.
Quellen:
- https://www.innovative-frauen-im-fokus.de/wp-content/uploads/2025/11/Tagungsband_Innovativ_Exzellent_Sichtbar.pdf
- https://www.innovative-frauen-im-fokus.de/fachtagung-2025
- https://www.bmbf.de/bmbf/de/forschung/gleichstellung/innovative-frauen-im-fokus/innovative-frauen-im-fokus_node.html
- https://www.kompetenzz.net/themen/gleichstellung/innovative-frauen-im-fokus
- https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Tabellen/professorinnen-anteil.html
- https://www.bmbf.de/upload_filestore/pub/Geschlechtergerechtigkeit_in_der_Wissenschaft.pdf
