Wie KI die Toten zurückbringt

Durch | 19. Januar 2026

Eine neue Studie zeigt, dass generative KI bereits eingesetzt wird, um Tote „zurückzuholen“ – als Unterhaltungsikonen, politische Zeugen und als alltägliche Begleiter für trauernde Familien. Die Studie untersucht Fälle von KI-„Wiederauferstehungen“ und argumentiert, dass diese Praxis nicht nur emotional stark, sondern auch ethisch brisant ist, da sie Stimme, Gesicht und Lebensgeschichte eines Menschen in wiederverwendbares Rohmaterial verwandelt. KI-Wiederauferstehungen sind deshalb problematisch, weil sie mit wenig oder gar keiner Zustimmung, ohne klare Eigentumsverhältnisse oder Verantwortlichkeit erfolgen können. So entsteht eine neue Form der Ausbeutung, die die Autoren als „spektrale Arbeit“ bezeichnen. Die Toten werden dabei unfreiwillig zu einer Daten- und Profitquelle, während die Lebenden zwischen Erinnerung und Manipulation, Trost und Zwang, Ehrung und Missbrauch navigieren müssen.

Was bedeutet es, wenn künstliche Intelligenz die Toten wieder sprechen lässt?

Von Hologrammkonzerten längst verstorbener Popstars bis hin zu Chatbots, die mit den Texten verstorbener Angehöriger trainiert wurden – generative KI verschiebt die Grenze zwischen Leben und Tod rasant. Eine neue Studie von Tom Divon, Internet- und Technologieforscher an der Hebräischen Universität Jerusalem , und Prof. Christian Pentzold von der Universität Leipzig bietet einen der umfassendsten Einblicke in dieses beunruhigende Forschungsfeld und wirft dringende Fragen zu Einwilligung, Ausbeutung und Macht in einer Welt auf, in der Tote digital wiederbelebt werden können.

In ihrem Artikel „ Künstlich lebendig: Eine Untersuchung von KI-Wiederauferstehungen und spektralen Arbeitsformen in einer postmortalen Gesellschaft“ analysieren die Forscher über 50 reale Fälle aus den USA, Europa, dem Nahen Osten und Ostasien, in denen KI-Technologien eingesetzt werden, um Stimmen, Gesichter und Persönlichkeiten Verstorbener zu rekonstruieren.

Die Studie zeichnet sich durch ihren Umfang und ihre Klarheit aus. Anstatt sich auf eine einzelne Technologie oder ein virales Beispiel zu konzentrieren, untersuchten die Forscher Dutzende von Fällen aus verschiedenen Kontinenten, um zu zeigen, dass KI-„Wiederauferstehungen“ bereits ein erkennbares soziales Muster bilden. Sie identifizieren drei unterschiedliche Wege, auf denen Tote digital in die Gesellschaft zurückgeführt werden – von Prominenten-Spektakeln über politische Stellungnahmen bis hin zu intimen Gesprächen mit verstorbenen Angehörigen – und decken eine gemeinsame, zugrunde liegende Dynamik auf: die zunehmende Nutzung der Toten als Quelle für Daten, Stimmen und Abbilder, die wiederverwendet und monetarisiert werden können, oft ohne deren Einwilligung. Diese umfassende Betrachtung zeigt, wie schnell experimentelle Anwendungen von KI normalisiert werden und warum die ethischen Bedenken nicht länger theoretischer Natur sind.

Drei Wege, auf denen KI die Toten zurückbringt:
Die Studie identifiziert drei dominante Wege, auf denen KI genutzt wird, um die Verstorbenen „wieder präsent“ zu machen:

  • Spektakelisierung – die digitale Neuinszenierung berühmter Persönlichkeiten für Unterhaltungszwecke. Fans können nun „neue“ Auftritte von Whitney Houston oder Freddie Mercury erleben, die von KI generiert und als immersive Spektakel inszeniert werden.
  • Soziopolitisierung – die Wiederbelebung von Opfern von Gewalt oder Ungerechtigkeit zu politischen oder Gedenkzwecken. In manchen Fällen werden KI-generierte Abbilder der Verstorbenen eingesetzt, um posthum auszusagen, zu protestieren oder ihre eigenen Geschichten zu erzählen.
  • Mundanisierung – die intimste und am schnellsten wachsende Form, bei der Menschen im Alltag Chatbots oder synthetische Medien nutzen, um mit verstorbenen Eltern, Partnern oder Kindern zu „sprechen“ und so die Beziehungen durch tägliche digitale Interaktion aufrechtzuerhalten.

Der Aufstieg der „spektralen Arbeit“:
In allen drei Bereichen werden die Toten nicht einfach nur in Erinnerung behalten, sondern zur Arbeit gezwungen .

Divon und Pentzold führen den Begriff der spektralen Arbeit ein, um zu beschreiben, was unter der Oberfläche geschieht. KI-Systeme werden mit den digitalen Überresten der Toten trainiert: Fotos, Videos, Sprachaufnahmen, Social-Media-Beiträge. Ohne Einwilligung werden diese Daten extrahiert, neu verpackt und monetarisiert – mit immensem Potenzial für den Missbrauch.

Was geschieht, wenn eine Figur wie Charlie Kirk wiederaufersteht, um ihre Ideologie weiter zu verbreiten und nach ihrem Tod neue Zielgruppen anzusprechen – ohne Rechenschaftspflicht, Kontext oder die Möglichkeit, sich zu wehren? Oder wenn das Abbild eines Opfers wiederbelebt wird, um Traumata für politische, kommerzielle oder instruktive Zwecke immer wieder zu durchleben? In diesen Fällen wird die KI-Wiederbelebung zu einem Werkzeug, um Macht, Ideologie und Einfluss über die Grenzen des Lebens hinaus auszudehnen.

„Die Toten sind gezwungen, die Gegenwart heimzusuchen“, argumentieren die Autoren, und dienen den emotionalen, politischen oder kommerziellen Wünschen der Lebenden.
Dies wirft schwierige Fragen auf: Wem gehört die Stimme nach dem Tod? Kann ein digitales Abbild missbraucht werden? Und wer entscheidet, wie, wann und warum Tote wieder zum Leben erweckt werden?

Leben in einer „postmortalen Gesellschaft“:
Die Studie verortet KI-gestützte Wiederauferstehungen in einer sogenannten postmortalen Gesellschaft – einer Gesellschaft, die den Tod nicht leugnet, sondern ihn zunehmend technologisch zu überwinden sucht. In dieser Welt wird Unsterblichkeit nicht mehr allein durch Religion versprochen, sondern durch Daten, Algorithmen und Plattformen, die ein „digitales Jenseits“ versprechen.

Die Autoren stellen jedoch klar: KI besiegt den Tod nicht. Stattdessen hält sie die Menschen in einem unruhigen Zwischenzustand gefangen, weder ganz lebendig noch ganz tot.

Angesichts der rasanten Entwicklung generativer KI warnen Divon und Pentzold, dass sich die Gesellschaft jetzt mit den ethischen und rechtlichen Implikationen auseinandersetzen muss, bevor die digitale Wiederauferstehung normalisiert und unreguliert wird.

„Sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was KI mit unserem Verhältnis zu den Toten macht“, schreiben sie, „ist unerlässlich, um zu verstehen, was sie mit den Lebenden macht.“

DOI https://doi.org/10.1177/14614448251397518

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LabNews: Biotech. Digital Health. Life Sciences. Pugnalom: Environmental News. Nature Conservation. Climate Change. augenauf.blog: Wir beobachten Missstände
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