Die wachsende Häufigkeit von Zoonosen und Tierseuchen wie der Blauzungenkrankheit (BTV-8) stellt nicht nur die Landwirtschaft vor massive Herausforderungen, sondern wirkt sich auch auf soziale Strukturen aus, insbesondere auf die Lebensmittelhilfe. Die Tafeln Deutschland, ein Netzwerk von über 2.000 lokalen Tafeln, versorgt jährlich rund 1,8 Millionen Menschen in Armut mit Lebensmitteln, die Supermärkte und Produzenten spenden. Im Kontext des Klimawandels, der die Ausbreitung solcher Erkrankungen begünstigt, drohen Engpässe in der Fleisch- und Milchversorgung, die die Tafeln direkt treffen. Dieser Bericht analysiert den Hintergrund des Zoonosen-Anstiegs, die epidemiologischen Entwicklungen in Deutschland 2025, die potenziellen Auswirkungen auf die Tafeln sowie Strategien zur Risikominderung. Basierend auf aktuellen Daten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und des Friedrich-Loeffler-Instituts wird die Vulnerabilität der Versorgungsketten beleuchtet, die Millionen Bedürftige betrifft.
Hintergrund: Zoonosen als Folge von Klimawandel und Intensivlandwirtschaft
Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden, machen etwa 60 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten aus und verursachen weltweit jährlich über zwei Millionen Todesfälle. In Deutschland, wo die Viehzucht einen wesentlichen Pfeiler der Ernährungssicherheit bildet, dienen Tierseuchen wie BTV-8, Afrikanische Schweinepest (ASP) oder hochpathogene aviäre Influenza (HPAI) als Warnsignale. Diese Erreger werden durch Vektoren wie Gnitzen, Mücken oder direkten Kontakt übertragen und profitieren vom Klimawandel: Mildere Winter und längere warme Perioden verlängern die Aktivität der Überträger und erweitern ihre Habitate nach Norden.

Der Klimawandel verstärkt dies durch eine globale Erwärmung von 1,2 Grad Celsius seit der vorindustriellen Zeit, was die Übertragungsrisiken um bis zu 20 Prozent pro Grad steigert. In Europa hat sich die Saison für vektorbasierte Seuchen von vier auf bis zu acht Monate verlängert, was zu einer Verdopplung der Ausbrüche führt. Die Intensivhaltung in der deutschen Landwirtschaft – mit über 12 Millionen Rindern und 2,5 Millionen Schafen – begünstigt die schnelle Ausbreitung, da hohe Besatzdichten und internationaler Tierhandel Reservoire schaffen. BTV-8, ein Orbivirus, das Wiederkäuer befällt, verursacht bei Schafen hohe Sterberaten von bis zu 50 Prozent und bei Rindern Milch- und Fruchtbarkeitsverluste. Obwohl es keine direkte Zoonose ist, unterbricht es die Produktionsketten und führt zu Notslachtungen, die Fleischmengen reduzieren.
Historisch führte der BTV-8-Ausbruch 2006–2009 zu über 24.000 Infektionen und Milliardenschäden, mit Exportverboten, die den Fleischmarkt zusammenbrechen ließen. 2025 wiederholt sich dies: Bis November wurden in Süddeutschland Hunderte Fälle gemeldet, was Restriktionszonen auslöst und Spenden an Tafeln gefährdet. Die Tafeln, gegründet 1993, retten jährlich 180.000 Tonnen Lebensmittel vor dem Müll, davon 40 Prozent tierische Produkte wie Milch, Käse und Fleisch. Spenden stammen zu 70 Prozent von Supermärkten und zu 20 Prozent von Landwirten, die Überschüsse abgeben. Zoonosen bedrohen diese Quellen, da infizierte Herden quarantäniert werden und Produkte vernichtet oder umgeleitet werden müssen.
Epidemiologische Situation 2025: Ausbrüche und ihre Dynamik
Das Jahr 2025 markiert einen Höhepunkt zoonotischer Aktivität in Deutschland, mit über 13.000 BTV-Ausbrüchen seit Mai, darunter der erste BTV-8-Fall seit 2019 im Oktober in Baden-Württemberg und Bayern. Der Ausbruch begann am 8. Oktober in Berghaupten (Ortenaukreis), wo ein Rind positiv testete, und breitete sich bis November auf Saarland, Hessen und Rheinland-Pfalz aus. Bis Mitte November wurden fünf Betriebe bestätigt, mit Prognosen für eine Verdopplung durch anhaltende milde Temperaturen (Oktober-Durchschnitt: 9,9 Grad Celsius, 0,5 Grad über dem Mittel). Gnitzen der Gattung Culicoides, aktiv bei über 15 Grad, transportieren das Virus über Winddrift aus Frankreich und Österreich, wo BTV-8 endemisch ist.
Parallel grassieren ASP in Osteuropa und HPAI in Geflügelbeständen, mit 2024-Schäden von 100 Millionen Euro. In Deutschland führte BTV-3 allein zu 1.494 Ausbrüchen bis Oktober, mit Härtefallhilfen für betroffene Schäfer (z. B. 15.000 Euro in Niedersachsen für 171 verendete Schafe). Restriktionszonen im Umkreis von 150 Kilometern verbieten Tierverbringungen ohne Impfnachweis, was Milch- und Fleischproduktion in Süddeutschland – dem Kern der deutschen Viehzucht – lähmt. Die Sterblichkeit bei Schafen beträgt 30–50 Prozent, bei Rindern sinkt die Milchleistung um 20 Prozent, was zu Aborten und Herdenverkleinerungen führt. Das Friedrich-Loeffler-Institut warnt vor einer Eskalation bis Jahresende, da der milde November (bis 3,7 Grad über Normal) die Vektorenaktivität verlängert.
Diese Dynamik interagiert mit globalen Trends: Weltweit wurden 2025 über 100 Ausbrüche gemeldet, inklusive H5N1 in US-Milchkühen und Mpox in Afrika. In Deutschland verschärft der Biodiversitätsverlust durch Abholzung die Spillover-Risiken, während der internationale Handel – 40 Prozent der Fleischimporte – Infektionen importiert. Für die Tafeln bedeutet dies: Spenden aus regionaler Produktion, die 25 Prozent der tierischen Produkte ausmachen, könnten um 15–30 Prozent sinken, basierend auf Modellen zu ähnlichen Ausbrüchen.
Potenzielle Auswirkungen auf die Versorgung der Tafeln
Die Tafeln versorgen vulnerables Gruppen – Alleinerziehende, Rentner, Flüchtlinge – mit Grundnahrung, wobei tierische Produkte 15–20 Prozent der Pakete ausmachen und essenziell für proteinreiche Ernährung sind. Zoonosen bedrohen dies multifazial: Primär durch Produktionsausfälle, die Spendenmengen reduzieren. In BTV-Zonen müssen infizierte Tiere notgeschlachtet werden, deren Fleisch oft unspendbar ist, da es unter Quarantäne fällt oder Qualitätsmängel aufweist. Milchprodukte aus betroffenen Herden – 12 Prozent der deutschen Milchproduktion in Süden – werden umgeleitet oder entsorgt, was die Tafeln, die 30 Prozent ihrer Milchspenden aus regionalen Molkereien beziehen, trifft.
Wirtschaftlich lastet dies auf Landwirte: Schäden von 100 Millionen Euro 2024 könnten 2025 auf 150 Millionen steigen, mit Entschädigungen durch Tierseuchenkassen, die jedoch bürokratisch verzögert werden. Kleinere Betriebe, die traditionell spenden, geraten in Existenznot, was die Spendenbereitschaft mindert. Preisanstiege für Fleisch (bis 10 Prozent bei Exportverboten) und Milch (5–8 Prozent durch Leistungseinbrüche) belasten die Beschaffungskosten der Tafeln, die bereits mit 1,5 Millionen Nutzern kämpfen – eine Verdreifachung seit 2005. In Ostdeutschland, wo Tafeldichte niedriger ist, drohen Lücken: Eine Studie aus 2017 schätzt, dass 7 Prozent der Bevölkerung intermittierend food-insecure sind, und Zoonosen könnten dies auf 10 Prozent treiben.
Sozial verstärkt dies Ungleichheiten: Bedürftige, oft mit höherem Anteil Übergewicht (68 Prozent bei Tafelnutzern), leiden unter nährstoffarmen Paketen ohne tierische Proteine, was Mangelernährung begünstigt. Kinder, 30 Prozent der Nutzer, sind besonders gefährdet – 500.000 Kinder erhalten Tafelnahrung, und Ausfälle könnten zu 50.000 zusätzlichen Fällen von Unterernährung führen. Indirekt wirken sich Handelsbarrieren aus: EU-weite Restriktionen reduzieren Importe, was den Großhandel belastet und Spenden aus Supermärkten (70 Prozent) mindert. Modelle prognostizieren eine 20-prozentige Reduktion tierischer Spenden in Risikoregionen, was die Tafeln zwingt, auf teurere Alternativen umzusteigen oder Pakete zu kürzen.
Langfristig bedroht der Klimawandel die Resilienz: Bis 2050 könnte die Zoonosen-Häufigkeit um 30 Prozent steigen, mit jährlichen Ausbrüchen, die die Tafeln chronisch unter Druck setzen. Die EU erkennt dies als „Threat Multiplier“, doch nationale Strategien fehlen.
Strategien und Maßnahmen: Von Prävention zur Resilienz
Die Bekämpfung basiert auf EU-Verordnung 2016/429: Restriktionszonen, Impfungen und Vektorkontrolle sind zentral. Für BTV-8 gestattet das BMEL Impfstoffe wie Bovilis BTV8, mit Beihilfen von 2–4 Euro pro Tier durch Tierseuchenkassen. Eine Abdeckung von 80 Prozent zielt auf Herdenimmunität ab, doch der Klimawandel erfordert jährliche Anpassungen. Das One-Health-Konzept verknüpft Tier-, Umwelt- und Humanmedizin: Das Friedrich-Loeffler-Institut koordiniert Surveillance, mit monatlichen Proben und Apps wie Tierseucheninfo.
Für Tafeln empfehlen Experten Diversifikation: Stärkung pflanzlicher Spenden (aktuell 60 Prozent), Partnerschaften mit alternativen Produzenten und Lagerstrategien. Die Tafeln fordern mehr Förderung – 2025 plant das BMEL Kampagnen gegen Lebensmittelverschwendung, inklusive Zoonosen-Resilienz. Internationale Kooperationen mit Frankreich und Österreich umfassen Gnitzen-Monitoring, das klimasensitive Modelle integriert. Dennoch fehlen flächendeckende Klimainvestitionen: Experten plädieren für EU-weite Impfpflichten und Biodiversitätsförderung, um Vektoren zu reduzieren.
Ausblick: Resilienz aufbauen in einer vulnerablen Kette
Der BTV-8-Ausbruch 2025 unterstreicht die Kaskadeneffekte zoonotischer Erkrankungen: Von der Farm zur Tafel reicht die Bedrohung weit. Ohne Interventionen drohen bis 2030 jährliche Engpässe, die die Armutsbekämpfung unterlaufen und soziale Spannungen schüren. Die Tafeln, Symbol für Solidarität, müssen resilienter werden – durch politische Unterstützung, innovative Beschaffung und Klimaschutz. Dies mahnt zur Priorisierung: Zoonosen sind keine isolierte Agrarfrage, sondern eine gesellschaftliche Krise, die Prävention und Gerechtigkeit erfordert. Koordinierte Anstrengungen können die Versorgung sichern und Millionen schützen.
Quellen
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- https://www.blv.admin.ch/blv/de/home/tiere/tierseuchen/uebersicht-seuchen.html
- https://tierseucheninfo.niedersachsen.de/startseite/anzeigepflichtige_tierseuchen/klauentiere/blauzungenkrankheit/blauzungenkrankheit-21712.html
- https://www.bft-online.de/pressemitteilungen/tierseuchen-verursachen-grosse-schaeden
- https://www.topagrar.com/rind/news/blauzungenkrankheit-alle-infos-und-nachrichten-zur-btv3-ausbreitung-e-20006002.html
- https://de.wikipedia.org/wiki/Tierseuche
- https://www.ml.niedersachsen.de/startseite/themen/tiergesundheit_tierschutz/tierseuchenbekampfung/information-zur-blauzungenkrankheit-232773.html
- https://mlr.baden-wuerttemberg.de/de/unsere-themen/tierschutz-tiergesundheit/tiergesundheit/tierkrankheiten-tierseuchen-zoonosen/blauzungenkrankheit
- https://lua.rlp.de/unsere-themen/tiergesundheit-tierseuchen/tierseuchenbekaempfung/blauzungenkrankheit
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- https://deutsch.news-pravda.com/world/2025/11/06/508069.html
- https://www.saarland.de/lav/DE/aktuelles/aktuelle-meldungen/aktuelle-meldungen-einzeln/Blauzungenkrankheit-BTV-8
- https://www.bvl.bund.de/DE/Arbeitsbereiche/01_Lebensmittel/01_Aufgaben/08_Krisenmanagement/Krisenmanagement_node.html
