Historische Analyse der US-Zolleinnahmen
Zölle waren einmal die Haupteinnahmequelle der USA. Heute sind sie eine Randposition im Bundeshaushalt – auch nach dem starken Anstieg 2025. Die Zahlen erklären, warum sie ein 1,2-Billionen-Dollar-Versprechen nicht tragen können.
1. Vom Hauptsteuerinstrument zur Restgröße
Bis zum Bürgerkrieg finanzierten Zölle den Bund fast allein: von 1792 bis 1860 im Schnitt rund 86 Prozent der Bundeseinnahmen. Auch danach, bis um 1900, lagen sie oft bei 40–55 Prozent.
Der Bruch kam mit der 16. Verfassungsänderung 1913 (Einkommensteuer) und dem Ersten Weltkrieg. Ab dem Zweiten Weltkrieg sinkt der Zollanteil dauerhaft unter 5 Prozent der Bundeseinnahmen. Seit etwa 1945 liegt er meist bei 1–2 Prozent. Einkommensteuer, Lohnsteuer und Körperschaftsteuer tragen den Staat.
Das ist der entscheidende Maßstab: Ein historischer „Zollstaat“ existiert in den USA seit drei Generationen nicht mehr.
2. Die moderne Normalgröße (Kalenderjahre, BEA)
US-Zolleinnahmen in Milliarden Dollar (Bureau of Economic Analysis, Customs duties):
| Jahr | Zolleinnahmen |
|---|---|
| 2010 | 28,6 |
| 2015 | 38,1 |
| 2017 | 38,5 |
| 2018 | 53,3 |
| 2019 | 77,8 |
| 2020 | 68,6 |
| 2021 | 89,1 |
| 2022 | 102,3 |
| 2023 | 81,6 |
| 2024 | 83,6 |
| 2025 | 265,1 |
2017, vor den China-Zöllen der ersten Trump-Amtszeit, lag das Niveau bei knapp 39 Milliarden. Die Sektion-301-Zölle verdoppelten die Einnahmen bis 2019. Die Biden-Regierung ließ den Großteil bestehen; 2022 war mit 102 Milliarden ein Zwischenhoch, 2023/24 fielen die Beträge wieder auf rund 80–84 Milliarden.
Das ist die Baseline des 21. Jahrhunderts: 80 bis 100 Milliarden Dollar im Jahr, nicht Hunderte von Milliarden dauerhaft und schon gar nicht eine Billion.
3. Effektiver Zollsatz: jahrzehntelang niedrig, 2025 ein Sprung
Die US International Trade Commission misst Zölle relativ zum Importwert:
- 2017: 1,4 Prozent aller Importe, 4,7 Prozent der zollpflichtigen Importe
- 2019: 2,6 Prozent / 7,8 Prozent
- 2024: 2,3 Prozent / 7,5 Prozent
- 2025: 7,8 Prozent / 19,7 Prozent
2025 wurden 264 Milliarden Dollar Zölle auf 3,39 Billionen Dollar Importe erhoben. Der Anteil zollpflichtiger Waren stieg von rund 31 auf 39,5 Prozent.
Der Anstieg 2025 ist real und historisch für die Nachkriegszeit. Er bringt die USA aber nicht in die Nähe der Zollquoten des 19. Jahrhunderts.
4. 2025/26: Bruttohoch, dann Rückerstattungen
Zwei Reihen darf man nicht vermischen.
Brutto (was Importeure zunächst zahlen):
Tariff Tracker zählt von Januar 2025 bis Juli 2026 rund 328,5 Milliarden Dollar an Zoll- und Zolleingängen. Einzelne Monate lagen weit über dem alten Schnitt von etwa 6 Milliarden: Oktober 2025 rund 33 Milliarden brutto.
Netto (was nach Rückerstattungen in der Kasse bleibt):
Im Februar 2026 kippte der Supreme Court den Großteil der IEEPA-Zölle. Daraufhin wurden massive Erstattungen fällig. Nach Treasury-Monatsberichten:
- Mai 2026: netto etwa ?40 Millionen
- Juni 2026: netto ?25,6 Milliarden (Erstattungen 49,2 Milliarden)
- Juli 2026: netto ?8,6 Milliarden
Drei aufeinanderfolgende Monate mit negativen Netto-Zolleinnahmen – in der verfügbaren Reihe seit den 1980er-Jahren ohne Vorbild. Das Fiskaljahr-2026-Netto (ab Oktober 2025) lag Ende April noch bei 188,6 Milliarden und Ende Juli nur noch bei 154,5 Milliarden. Rund 100 Milliarden Dollar der 2025/26-Erhebungen unter der gekippten IEEPA-Rechtsgrundlage waren bis Juli 2026 zur Erstattung vorgesehen.
Brutto „328 Milliarden seit Januar 2025“ ist also keine dauerhaft verfügbare Kasse. Ein erheblicher Teil ist rechtlich unsicher oder bereits zurückgeflossen.
5. Anteil am Gesamthaushalt
Selbst im Rekordjahr 2025 bleiben Zölle klein gegen den Rest:
- Bundeseinnahmen insgesamt: rund 5,2–5,6 Billionen Dollar pro Jahr
- Zölle 2025: etwa 3–5 Prozent der Einnahmen in starken Monaten, über das Jahr klar unter 5 Prozent
- Defizit FY2026 (erste 11 Monate): rund 2,0 Billionen Dollar
Netto-Zölle Januar–September 2025 deckten nach PIIE etwa 3,3 Prozent der Bundeseinnahmen; Oktober 2025–Juni 2026 etwa 2,9 Prozent. Sie finanzieren weder den laufenden Fehlbetrag noch eine Sonderausschüttung in Billionenhöhe.
Zum Größenvergleich: 245 Millionen erwachsene Bürger × 5000 Dollar = 1,23 Billionen Dollar. Das sind grob:
- das 4- bis 5-Fache der Bruttozölle von Januar 2025 bis Mitte 2026
- das 8-Fache eines starken modernen Zolljahres (2025)
- mehr als das 12-Fache eines typischen Jahres 2019–2024
- etwa 60 Prozent des laufenden Jahresdefizits
Selbst wenn man den gesamten Zollstrom eines Rekordjahres ungekürzt und ohne Erstattungen nähme, reichte er für höchstens ein Sechstel der versprochenen Summe.
6. Was die Geschichte sagt
Drei Befunde bleiben stabil:
- Zölle können einen modernen Sozial- und Zinsstaat nicht tragen. Das hörte nach 1913/1945 auf. Wer Zölle als Ersatz für Einkommensteuer oder als Finanzierungsquelle für Billionen-Transfers behandelt, ignoriert die Struktur des Haushalts.
- Der Anstieg 2018/19 und vor allem 2025 ist politisch erzeugt, nicht strukturell dauerhaft. Er hängt an Executive-Order-Zöllen, Gerichtsentscheidungen und Importreaktionen. 2026 zeigt das: Sobald die Rechtsgrundlage fällt, kippt die Netto-Linie ins Negative.
- Brutto ist nicht Netto. Wer nur die hohen Monatseingänge 2025 zitiert und die Erstattungswelle 2026 weglässt, verdoppelt oder verdreifacht die tatsächlich verfügbare Summe.
Für das Midterm-Versprechen heißt das: Historisch wie aktuell sind Zölle eine Zusatzsteuer auf Importe in der Größenordnung von wenigen Prozent der Bundeseinnahmen. Sie sind kein Dividendenfonds.
