Beide Staaten finanzieren sich vor allem über Arbeitseinkommen. Darüber hinaus unterscheiden sich Höhe, Struktur und föderale Architektur stark. Der sauberste internationale Maßstab ist die OECD-Abgabenquote (Steuern plus Sozialbeiträge in Prozent des BIP).
1. Die Gesamtlast
| Deutschland | USA | |
|---|---|---|
| OECD-Abgabenquote 2024 | 38,0 % des BIP | 25,6 % des BIP |
| OECD-Schnitt 2024 | 34,1 % | 34,1 % |
| Steuerquote ohne Sozialbeiträge (national) | ca. 22–23 % | Bund allein ca. 17 % des BIP |
Deutschland liegt im OECD-Mittelfeld, die USA klar darunter. Der Abstand von rund 12 Prozentpunkten ist dauerhaft: 1965 schon 31,7 gegen 23,6 Prozent, 2024 38,0 gegen 25,6 Prozent. Die USA holen den Sozialstaat weniger über Abgaben, mehr über Defizite und – auf Länderebene – über Grundsteuer und Sales Tax.
2. Was in der Kasse landet (Größenordnung 2025)
Deutschland, kassenmäßig vor Verteilung: 989,8 Milliarden Euro Steuern. Bund nach Verteilung 389 Milliarden, Länder 415 Milliarden, Gemeinden 151 Milliarden, EU 35 Milliarden. Sozialbeiträge kommen oben drauf (VGR-Abgabenquote 2025 rund 42 Prozent).
USA, nur Bund, Fiskaljahr 2025: 5,23 Billionen Dollar Einnahmen. Davon:
- Einkommensteuer der natürlichen Personen: 2,66 Bio. $ (51 %)
- Sozialversicherungsbeiträge (Payroll): 1,75 Bio. $ (33 %)
- Körperschaftsteuer: 452 Mrd. $ (9 %)
- Zölle: 195 Mrd. $ (3,7 %)
- Verbrauchsteuern, Erbschaft, Sonstiges: Rest
Staaten und Kommunen erheben zusätzlich Einkommen-, Umsatz- und vor allem Grundsteuern. Alle Ebenen zusammen liegen grob bei 9–10 Billionen Dollar Einnahmen (inkl. Gebühren). Das US-BIP ist nominal etwa sechsmal so groß wie das deutsche; die Pro-Kopf-Last bleibt in den USA trotzdem niedriger.
3. Zusammensetzung der Abgaben (OECD, Anteil am Steueraufkommen)
| Quelle | Deutschland | USA | OECD-Schnitt |
|---|---|---|---|
| Einkommensteuer natürlicher Personen | 26 % | 40 % | 24 % |
| Sozialbeiträge | 38 % | 24 % | 26 % |
| Konsumsteuern (MwSt./Sales Tax/Verbrauch) | 27 % | 17 % | 31 % |
| Unternehmensteuern | 6 % | 8–9 % | 12 % |
| Vermögen/Grundsteuer | 2,5 % | 11 % | 5 % |
| Zölle | praktisch EU-Eigenmittel | 2025: 3,7 % der Bundeseinnahmen | gering |
Lesart:
- Deutschland ist ein Beitrags- und Mehrwertsteuerstaat. Lohnsteuer plus Umsatzsteuer tragen den Großteil der Steuern; die Sozialversicherung läuft parallel und ist hoch.
- USA sind ein Einkommensteuerstaat auf Bundesebene. Es gibt keine nationale Mehrwertsteuer. Dafür wiegen Grundsteuern der Kommunen und Sales Taxes der Bundesstaaten schwer. Zölle sind 2025 sichtbar, bleiben aber eine Randgröße.
4. Wer besteuert was?
Deutschland teilt die großen Steuern gesetzlich (Gemeinschaftsteuern): Lohn- und Einkommensteuer 42,5 / 42,5 / 15 (Bund/Länder/Gemeinden), Körperschaftsteuer 50/50, Umsatzsteuer nach Finanzausgleich. Der Bund steht nach Verteilung hinter den Ländern.
Die USA trennen die Ebenen schärfer: Der Bund nimmt Einkommen- und Payroll-Steuer. Die Staaten nehmen eigene Einkommen- und Sales Taxes (Tarife und Bemessung unterschiedlich, einige Staaten ohne Einkommensteuer). Kommunen leben von der Property Tax. Ein Einwohner in Texas zahlt anders als einer in Kalifornien oder New York.
5. Arbeit: Tarif und Keil
Beide belasten Löhne progressiv, aber unterschiedlich.
Deutschland: progressiver ESt-Tarif bis 45 Prozent (plus Solidaritätszuschlag für hohe Einkommen), dazu paritätische Sozialbeiträge (Rente, Kranken-, Pflege-, Arbeitslosenversicherung) mit Beitragsbemessungsgrenzen. Der Steuer- und Abgabenkeil auf Durchschnittslöhne gehört zu den höheren in der OECD.
USA, Bund: progressive Federal Income Tax, Spitzengrenzsatz 37 Prozent; dazu Payroll Tax (Social Security 12,4 Prozent geteilt Arbeitgeber/Arbeitnehmer bis zur Bemessungsgrenze, Medicare 2,9 Prozent plus Zuschlag für hohe Einkommen). Viele zahlen auf Bundesebene wenig oder keine Einkommensteuer, aber Payroll Tax fast immer. Staatliche Einkommensteuer kann mehrere Prozentpunkte draufsetzen.
Netto: Ein Durchschnittsverdiener in Deutschland gibt einen größeren Teil des Bruttolohns an Steuern und Sozialkassen ab. In den USA bleibt mehr Netto, dafür sind Krankenversicherung und Absicherung stärker privat oder lückenhaft.
6. Konsum und Unternehmen
Deutschland: einheitliche MwSt. 19 Prozent / 7 Prozent ermäßigt – die zweitgrößte Steuerquelle (310 Milliarden Euro 2025 inkl. Einfuhrumsatzsteuer).
USA: keine Bundes-MwSt. Stattdessen Sales Tax der Staaten, oft 4–10 Prozent, plus Local Tax, mit vielen Ausnahmen. Effektive Konsumsteuerquote deshalb niedriger.
Unternehmen: Körperschaftsteuer Deutschland 15 Prozent plus Gewerbesteuer, effektiv oft um 30 Prozent (Senkungspfad geplant). USA federal 21 Prozent plus State Corporate Tax. OECD-Anteil der Unternehmensteuern am Aufkommen ist in beiden Ländern unter dem Schnitt; in den USA 2025 sogar rückläufig (452 statt 530 Milliarden Dollar).
7. Zölle – der Punkt, an dem die Systeme nicht vergleichbar sind
In Deutschland fließen Zölle als EU-Eigenmittel ab. National zählen sie kaum. Die Einfuhrumsatzsteuer ist MwSt. auf Importe.
In den USA sind Zölle Bundessteuer. FY2025: 195 Milliarden Dollar, 3,7 Prozent der Bundeseinnahmen – Rekord nach den neuen Tariflinien, historisch aber immer noch klein gegen Einkommen- und Payroll-Steuer. 2026 kamen hohe Bruttoeingänge und zugleich massive Erstattungen nach dem Supreme-Court-Urteil zu IEEPA. Zölle können weder den US-Haushalt tragen noch ein 1,2-Billionen-Dollar-Versprechen finanzieren.
8. Defizit und was die Quote verschweigt
Niedrigere US-Abgabenquote heißt nicht ausgeglichener Haushalt. Der Bund fuhr FY2025 rund 1,8 Billionen Dollar Defizit; FY2026 nach elf Monaten bereits etwa 2,0 Billionen. Deutschland 2025: Staatsdefizit 119 Milliarden Euro bzw. 2,7 Prozent des BIP.
Die USA holen sich einen Teil der nicht erhobenen Abgaben über Schulden. Deutschland holt sich einen größeren Teil über Beiträge und MwSt. und hat trotzdem ein Defizit – nur relativ kleiner.
Kurzfassung
Deutschland besteuert Arbeit plus Konsum hoch und zentral verteilt, mit starker Sozialversicherung. Die USA besteuern Arbeit vor allem über die Bundes-Einkommensteuer, lassen den Konsum und das Grundeigentum den Staaten und Kommunen und finanzieren die Lücke mit Defiziten. Zölle sind in beiden Ländern keine Staatskasse; in den USA 2025 nur vorübergehend aufgebläht, in Deutschland europäisiert. Wer die Systeme an einem einzigen Satz („die USA sind steuergünstig, Deutschland teuer“) misst, unterschlägt Krankenversicherung, föderale Zersplitterung und die Schuldenrechnung.
